Reportage: In den Händen der syrischen Rebellen

Veröffentlicht: August 15, 2012 in Krieg
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Nach der Eroberung einer Polizeistation in Aleppo exekutierten FSA-Kämpfer den Leiter der Station auf offener Straße. Im Gefängnis der Aufständischen schmachten Dutzende Anhänger des Regimes.

Der Aufbau des Kastenwagens ist aus Eisenstahl und hat kein einziges Fenster. Nur zwei winzige, viereckige Löcher, durch die etwas Luft und Licht ins Innere dringen. Als die schwere Tür aufgeht, sitzen fünf schweißgebadete Gestalten auf dem Boden, die Hände mit Handschellen am Rücken gefesselt. „Shabiha“, ruft Diab triumphierend und zeigt auf die Gefangenen. „Sie haben gegen uns gekämpft“, meint der junge Rebell. „Aber damit ist nun Schluss“. Shabiha heißt „Geister“. Es sind die Milizen des syrischen Staates und wichtiger Bestandteil des Machtapparats von Präsident Bashar al-Assad. Die Shabiha bespitzeln die Bevölkerung, verhaften und foltern. In einigen Dörfern sollen sie für Massaker verantwortlich sein.

Die fünf Shabiha im Kastenwagen machen einen mitgenommenen Eindruck. Von ihrer einstigen Macht und dem Schrecken, den sie verbreiteten, ist nichts mehr übrig. Völlig verängstigt springt einer nach dem anderen aus dem Kastenwagen und wird von den Wachen mit einem Schlag in den Nacken angetrieben. „Macht schon, ihr Bastarde!“ Nur ein älterer Mann kann aus eigenen Kräften nicht aufstehen. „Stell dich nicht so an“, ruft einer der Wachen. Mit Mühe rutscht der Mann Richtung Türe. Dann packt man ihn an den Beinen und zieht ihn wie ein Stück Fleisch aus dem Wagen. An seinen Beinen klebt Blut.

Eingesperrt in einen Metallkasten

Die Assad-Unterstützer sind an ihrer vorläufigen letzten Station angekommen: In Mara, einer Kleinstadt 40 Kilometer nördlich von Aleppo, im Zentralgefängnis der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), die den Aufstand gegen das Regime anführt. Das Gefängnis befindet sich in einer umfunktionierten Hauptschule. Mindestens 190 Häftlinge sind in den Klassenräumen eingesperrt. Und jeden Tag werden es mehr: Mitglieder der Shabiha, Polizisten, Offiziere des Militärs. Sie werden aus der gesamten von der FSA besetzten Region angeliefert, die meisten jedoch hat man in Aleppo gefasst.

Wenn diese Gefangenen in Mara ankommen, haben sie das Schlimmste schon hinter sich. Denn ihre erste Station ist meist das Hauptquartier der FSA im Stadtteil al-Shahur in Aleppo. Dort geht man wenig zimperlich mit ihnen um. Zuerst steckt man sie in einen dunklen Metallkasten – um sie „weichzuspülen“, wie einer der Rebellen zugibt. Stunden später beginnt die Vernehmung.

Brutale Verhöre

Laute Schreie sind nachts in der Kommandozentrale zu hören. Die Gefangenen werden mit einem Plastikrohr „verhört“. Schläge gibt es auf Rücken, Oberkörper, Beine und auf die Fußsohlen. „Das kann stundenlang bis in den frühen Morgen gehen“, berichtete ein Augenzeuge. Ist die Vernehmung abgeschlossen, werden die Häftlinge gewöhnlich für den Transport nach Mara ins Zentralgefängnis freigegeben. Aber nicht alle Gefangenen schaffen es bis dorthin.

Der Chef der Shabiha in Aleppo, Ali Zeineddine Berri, und über ein Dutzend seiner Gefolgsleute wurden Ende Juli hingerichtet: im Hof des damaligen Rebellenhauptquartiers. Ein Video im Internet zeigt alle grausamen Details. Beinahe eine Minute lang durchsiebten Kalaschnikowkugeln die Körper der Gefangenen.

„Ja, Berri ist hier getötet worden“, gab Major Mohammed Hamadi in einem Büro der Kommandozentrale unumwunden zu. „Schließlich hat er elf unserer Männer umgebracht.“ Draußen im Hof konnte man an der Wand noch die Einschusslöcher sehen. Neben dem Bild einer fußballspielenden Mickey Mouse.

Islamische Schnellurteile

Der Fall Berri ist kein Einzelfall. Nach der Eroberung einer Polizeistation in Aleppo exekutierten FSA-Kämpfer den Leiter der Station auf offener Straße. Zuerst sprachen sie im islamischen Schnellverfahren das Urteil. Dann wurde geschossen. Ein islamisches Verfahren soll auch Shabiha-Führer Berri erhalten haben. Ein „religiöser Justizrat“ habe das Urteil gesprochen, sagt Abu Maschid. Er ist der Kommandant der „Brigade der Vereinigung“, einer der größten Rebellengruppen Aleppos. „Die Todesstrafe wird sehr selten ausgesprochen“, behauptet Maschid. Wunschgedanken eines Kommandanten oder Propaganda, um das schlechte Image der Rebellen aufzupolieren? Augenzeugen berichten von zahlreichen Exekutionen.

Im Zentralgefängnis von Mara werden die fünf Neuankömmlinge registriert, dürfen duschen und bekommen ihre Gefängniskleidung. Dann werden ihnen, wie allen anderen Häftlingen auch, die Haare geschoren. Die 30 Quadratmeter großen Klassenzimmer der vormaligen Schule dienen als Zellen. Dort sind jeweils rund 50 Gefangene untergebracht. „Hier haben wir eine Zelle mit Shabiha“, sagt der Gefängnisdirektor, ein gewichtiger Mann namens „Jumbo“. Er öffnet ein Guckloch, das man aus den Holztüren der Klassenzimmer geschnitten hat. Es ist ein beklemmendes Bild: Apathisch, mit geschlossenen Augen liegen die Gefangenen dicht aneinandergedrängt auf dünnen Matratzen.

Einer der Shabiha-Häftlinge heißt Ahmed Asswad. „Ich habe insgesamt vier Menschen getötet“, erklärt der 35-Jährige bereitwillig. „Ich habe für die Morde bis zu 5500 Euro erhalten“, versichert er. „Das Geld habe ich innerhalb meiner Gruppe verteilt.“ Alle von ihnen seien unter Drogen- und Alkoholeinfluss gestanden. Das Regime habe sie zum Konsum animiert und so in die Sucht geführt.

Ahmeds Hände zittern

Es ist eine Propagandashow, die im Gefängnis von Mara inszeniert wird. Eine der wenigen Wahrheiten sind die zitternden Hände von Ahmed und seine nervösen Augen, die bei jedem Wort die Reaktion des Gefängnisdirektors überprüfen. An seinen Handgelenken sieht man noch deutlich die rote Spur der Plastikhandschellen. „Ja, geschlagen wurde ich auch. Auf die Fußsohlen“, erklärt der Shabiha lächelnd. „Das gehört dazu und ist nicht so schlimm.“

Originalartikel Die Presse

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