Situation in Marseille gerät außer Kontrolle – „Hier herrscht die völlige Anarchie“

Veröffentlicht: November 2, 2012 in Migration & Islam
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Der Drogenkrieg schwappt auf die bürgerlichen Viertel über, ein Mord in der Innenstadt am helllichten Tag – und Teile der Polizeieinheiten, die für Sicherheit sorgen sollen, machten offenbar mit den Kriminellen Geschäfte: Die Situation in Marseille gerät immer mehr außer Kontrolle.

Es läuft mal wieder nichts in Marseille. Bus- und Bahnfahrer streiken, weil ein Schaffner von bewaffneten Jugendlichen angegriffen worden ist. Ein Taxi zu bekommen ist reine Glückssache. Taxifahrer Ibrahim schimpft während der ganzen Fahrt: „Organisierte Banden haben das totale Kommando in Marseille übernommen. Fast jede Woche gibt es Schießereien – und keiner macht was dagegen. Wo bleiben die Behörden, warum tun die nichts? Wir haben alle Angst in Marseille, alle fürchten sich.“

Erst vor ein paar Tagen wurde eine weitere Grenze überschritten: In der belebten Innenstadt, auf der Terrasse eines Cafés, wurde ein Mann mit zehn Kugeln ermordet. Ein anderer Gast, der am Nebentisch saß, wurde angeschossen. Die Zeiten, in denen sich die Bandenkriege auf bestimmte Stadtteile beschränkten, sind offenbar vorbei.

Paris schickt den Innenminister

Jetzt schwappt der Drogenkrieg auf die bürgerlichen Viertel über. Das hat auch bei der Regierung in Paris Alarm ausgelöst. Innenminister Manuel Valls flog prompt nach Marseille. Vor dem Tatort erklärte er den Marseillern, ihre Stadt werde jetzt zur Sonder-Sicherheitszone: „Das war ein Mord zu viel – das ist nicht mehr akzeptabel. Der Staat wird mit harter Hand durchgreifen. Marseille ist keine Stadt außerhalb Frankreichs, in der keine Gesetze gelten. Damit ist jetzt Schluss.“

Im Gepäck hat der Innenminister zwei Hundertschaften Polizei, die demnächst in den schwierigen Vierteln ihren Dienst antreten sollen. Dort war  bisher die Sondereinsatz-Truppe Brigade Nord zuständig. Doch Dutzende Mitglieder dieser Brigade sitzen seit vergangener Woche selbst hinter Gittern. Die Polizisten sollen den Dealern Drogen und Geld abgeknöpft haben, um sich selbst zu bereichern. 

„Die haben uns doch längst aufgegeben“

Samia Ghali, die streitbare Bezirks-Bürgermeisterin der betroffenen Viertel, forderte daraufhin kurzerhand die französische Armee an: „Die Hälfte der Polizisten sind korrupt. Die sind genauso schlimm wie die Dealer. Wie soll man denn in so einer Stadt leben – die Situation ist unerträglich.“

Die Bewohner der Quartiers Nord haben die Nase voll. Omar Djellil wies die Behörden schon seit Jahren auf die korrupten Polizisten hin. Ohne Erfolg. „Die haben uns doch längst aufgegeben. Die Behörden haben uns an die Drogengangs ausgeliefert – die machen hier jetzt die Gesetze. Aber das kann doch einfach nicht sein. Hier wohnen zehntausend Leute. Die werden von ein paar Kriminellen gegängelt. Man kann doch nicht akzeptieren, dass Tausende von Familien zum Opfer von wenigen Drogendealern werden.“

Überleben – nur mit Drogenhandel?

Tatsache ist allerdings auch, dass viele dieser völlig verarmten Familien überhaupt nur überleben können, wenn einer von ihnen beim Drogenhandel mitmacht, erzählt Alphonse Giovannini von der Polizeigewerkschaft: „All die Jungs, die Schmiere stehen oder als Kleindealer rekrutiert werden, sind Teil eines Millionengeschäfts. Das müssen sie sich mal vorstellen, da bringen 13-, 14-Jährige täglich 500 Euro nach Hause, die ernähren ihren ganzen Wohnblock.“

Und sie werden mit Waffen ausgerüstet – keine kleinen Kaliber. Bei fast jeder Schießerei in Marseille sind Kalaschnikows im Spiel. Mehr als 20 Tote gab es in diesem Jahr bereits. „Die erschießen sich für nichts“, sagt Polizist Giovannini, „weil der eine ein bisschen mehr verkauft als der andere oder weil er die falsche Straßenseite benutzt hat. Für solche Sachen knallen die sich ab. Es gibt keinen Ehrenkodex unter den Gangs mehr wie früher – hier herrscht die völlige Anarchie. Es geht nur darum, möglichst viel Geld mit den Drogen zu machen.“

Eine Marseillerin fasst die Situation in der Stadt mit zwei Worten zusammen: „Eine Katastrophe.“

Originalartikel ARD Tagesschau

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