Bekehrungsversuche auf dem Pausenplatz

Veröffentlicht: November 8, 2012 in Migration & Islam
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Ein Winterthurer Sechstklässler wechselt die Schule, weil er das Missionieren eines muslimischen Klassenkameraden nicht mehr erträgt.

Peter ist ein ruhiger, unauffälliger Schüler. Der Sechstklässler geht gern zur Schule, doch ein Klassenkamerad macht ihm seit längerem das Leben in einer Winterthurer Primarschule schwer. Dabei geht es nicht um die üblichen Hänseleien, sondern vor allem um Glaubensfragen: Ali (Namen geändert) will Peter von seinen religiösen Ideen überzeugen und zum Islam bekehren. Die Interventionen der Lehrerin blieben erfolglos, weshalb der sensible Peter psychosomatische Reaktionen zeigte.

In der 1. Klasse verstanden sich Peter und Ali recht gut. Es spielte keine Rolle, dass 14 der 19 Schüler einen muslimischen Hintergrund hatten. Doch später begann Ali, dessen Vater muslimischer Priester ist, Peter religiös zu belehren. Wenn er ein Muslim wäre, könnten sie Freunde werden, sagte Ali, dessen religiöser Eifer mit der Zeit immer ausgeprägter wurde.

Pamphlet eines Hasspredigers

Ali machte sich auch über das Christentum lustig. Wie ist es möglich, dass Jesus der Sohn Gottes sei, habe Ali hämisch gefragt. Als die Klasse im Religionsunterricht eine Moschee besuchte, verlangte Ali von Peter, er müsse nun zu Allah beten.

Eines Tages gab Ali seinem Klassenkameraden ein religiöses Pamphlet des deutschen Konvertiten und Hasspredigers Pierre Vogel in die Hand, der in der Schweiz mit einem Einreiseverbot belegt worden war. Nun getraute sich Peter, die ganze Klasse zu informieren, dass er sich nicht zum Islam bekehren lasse. Alis Antwort: «Du bist vom Teufel besessen.» Danach wandten sich auch andere muslimische Klassenkollegen von Peter ab. Der Konflikt gipfelte darin, dass zwei Klassenkameraden Peter festhielten und Ali ihn mit Pingpongbällen bewarf und dabei immer wieder rief: «Stirb!»

«Persönliche Entwicklung stark beeinträchtigt»

Peter litt immer häufiger an Kopf- und Bauchschmerzen und entwickelte Angststörungen. Deshalb nahm ihn die Mutter aus der Schule und unterrichtete ihn selbst. Als Lehrerin war sie dazu befähigt. Peter ist seit mehreren Monaten in therapeutischer Behandlung. Sein Psychiater bestätigt, dass die psychosomatischen Beschwerden von den «Ängsten vor Mitschülern» verursacht wurden. «Peter ist durch die Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion aktuell in seiner persönlichen und schulischen Entwicklung stark beeinträchtigt», schreibt der Arzt in einem Gutachten. «In den letzten drei Jahren zeigten sich ähnliche Reaktionen rund um den Schulbesuch aufgrund von Konflikten, die meist durch die grossen soziokulturellen Unterschiede in Peters Klasse bedingt waren.»

Die Geschichte von Peter scheint ein Einzelfall zu sein, wie Nachfragen bei allen Stadtzürcher Schulkreisen zeigen. Den Präsidentinnen und Präsidenten sind keine vergleichbaren islamischen Missionsbestrebungen bekannt. Sie können nicht ausschliessen, dass sanfte religiöse Beeinflussung unter Schülern passiert, doch dies sei auch bei freikirchlichen Gläubigen denkbar.

Auch das Volksschulamt kennt keinen solchen Fall. «Wir verfügen über keine Hinweise, dass an den öffentlichen Schulen der religiöse Frieden durch religiöse Beeinflussung und Einschüchterung gefährdet wäre», sagt die stellvertretende Amtschefin Brigitte Mühlemann. Die Schulverantwortlichen und die Eltern hätten grundsätzlich dafür zu sorgen, dass alle Kinder respektvoll und gewaltfrei miteinander umgehen. Die Lehrperson habe bei solchen Missionsbestrebungen einzuschreiten, die Schule könne Disziplinarmassnahmen bis zur Versetzung an eine andere Schule ergreifen.

Jesus gegen Allah

Es ist allerdings unbestritten, dass durch die Zuwanderung und Vermischung der Kulturen religiöse Themen auf den Pausenplätzen immer öfter diskutiert werden und zu Spannungen führen können, wie verschiedene Lehrer im Gespräch bestätigen. Religiöse Argumente würden oft benutzt, um sich abzugrenzen. Bei verbalen Disputen benützten Schüler gern die Religionsstifter als Argumentationshilfe. Die einen bezeichneten beispielsweise Jesus als Hurensohn, die andern Allah als Schlächter. Solche Redensarten seien zwar unschön, störten den Religionsfrieden aber kaum, bestätigen Lehrer.

Nicht immer dienen religiöse Differenzen nur als Ventil, eigene Frustrationen abzubauen. Dem TA ist ein weiterer Fall bekannt. Dabei forderte ein muslimischer Schüler seine Klassenkolleginnen, die kurze Röcke und enge T-Shirts trugen, ultimativ auf, sich züchtiger zu kleiden.

Zurück zu Peter. Da sich seine Mutter von der Schulleitung im Stich gelassen fühlte, verlangte sie die Versetzung ihres Sohnes an eine andere Schule. Der Antrag wurde bewilligt. Peters Mutter ist der Ansicht, dass eigentlich Ali als Urheber des Konflikts hätte versetzt werden müssen.

Alis Eltern schweigen

Im Gespräch mit dem TA spielte die Schulleitung die Vorfälle herunter. Eine religiöse Indoktrination habe nicht stattgefunden, sagte die Schulleiterin. Sie habe erst kurz vor Peters Versetzung von den Bekehrungsversuchen erfahren. Mails belegen allerdings, dass sie schon mindestens ein Monat zuvor über die Vorfälle informiert war. Darauf angesprochen, war die Schulleiterin nicht mehr bereit, weitere Fragen zu beantworten. Auch die Lehrerin von Peter, die mit der Mutter von Ali über die Vorfälle gesprochen hatte, liess die Fragen unbeantwortet. Die zuständige Schulpflege sagte, die Schulleitung habe richtig gehandelt und die Lehrerin angewiesen, sofort das Gespräch mit Alis Eltern zu suchen, was auch geschehen sei.

Die Eltern von Ali waren nicht bereit, über die Vorfälle zu sprechen. Der Vater wollte dem TA verbieten, über seinen Sohn zu schreiben. Er bestritt die Ereignisse und erklärte, Kinder könnten Mitschüler gar nicht religiös beeinflussen. So stehe es im Koran.

Originalartikel Tagesanzeiger

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