Die US-Wirtschaftsrealität …

Veröffentlicht: Dezember 7, 2012 in Finanzen
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Viele Experten glauben, die USA werden die Weltwirtschaft einmal mehr aus der Misere ziehen. Die Realität ist, die USA werden in Zukunft von einstigen Wachstumsraten nur träumen können. Zunächst wird sich das BIP-Wachstum in den USA in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts stärker abkühlen als die Historie nahelegt. Aber auch mittelfristig gibt es einige besorgniserregende Hemmschuhe für die Wirtschaft: Stetig steigende faule Kredite, vor allem im Bereich Bildung, rückläufige Reallöhne, hohe Arbeitslosigkeit, teure Rohstoffe, schwaches Bevölkerungswachstum, nachlassende Produktivitätszuwächse …

Laut Jeremy Grantham, dem leitenden Investmentstrategen von Grantham, Mayo, Van Otterloo & Co. werden die kommenden 40 Jahre hart für die US-Wirtschaft: Historische Wachstumsraten gehören wohl nicht nur per Definition der Vergangenheit an. Das Wirtschaftswachstum in den USA werde sich in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts stärker abkühlen als der historische Verlauf nahelegt, so Grantham.

So müssten die USA theoretisch im Jahre 2050 mit einer Rate von 1,8 Prozent wachsen, basierend auf dem Wachstumskurs zwischen 1930 und 2011 und der sich daraus ergebenden Trendlinie. Die BIP-Prognose des Investmentstrategen fällt aber niedriger aus. Auf Basis der üblichen Berechnungsmethoden wird das BIP in den USA Grantham zufolge inflationsbereinigt bis 2050 im Schnitt um 1,4 Prozent pro Jahr steigen. Werden jedoch Rohstoffkosten und andere Einflussfaktoren berücksichtigt, die das US-Handelsministerium bei seiner BIP-Berechnung ausklammert, wird sich das Wachstum sogar noch deutlicher verlangsamen, wie Grantham am Mittwoch in einer Analyse schrieb.

Bittere Realität: Wachstumsraten unter ein Prozent

Die Zeiten eines durchschnittlichen Wachstums von mehr als drei Prozent – die zwischen den 1880ern und 1970ern vorgeherrscht haben – sind „für immer vorüber“, erklärte Grantham. Der in Boston ansässige Stratege verwies auf das schwächere Bevölkerungswachstum und die nachlassenden Produktivitätssteigerungen in dem für die US-Wirtschaft wichtigen Dienstleistungsbereich. Die BIP-Daten spiegelten nicht die steigenden Kosten für Öl und andere Bodenschätze durch die Erschöpfung der Ressourcen wider, hieß es weiter in der Analyse. Um dies zu berücksichtigen, zog Grantham von der jährlichen Wachstumsrate bis 2030 0,5 Prozentpunkte und in den folgenden beiden Jahrzehnten 0,6 Prozentpunkte ab.

Darüber hinaus nahm der Investmentstratege Anpassungen vor, um einerseits die Umweltschäden und andererseits die wirtschaftlichen Vorteile günstigeren Öls und Erdgases durch das sogenannte Fracking darzustellen. Unter dem Strich rechnet Grantham bis 2030 mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 0,9 Prozent und zwischen 2030 und 2050 im Schnitt mit einem BIP-Anstieg um 0,4 Prozent.

Verschuldete Studenten, immer teurere Bildung

Weiterer Belastungsfaktor ist die Zahl der faulen Kredite, die stetig steigt – vor allem im Bildungsbereich sind die Entwicklungen besorgniserregend. Studentenkredite werden für die Wirtschaft in den USA zum Problem, sagt der leitende Analyst Steven C. Wieting von der Citigroup. Sie begrenzten “potenziell langfristig” die Konsumnachfrage, und zwar insbesondere für langlebige Güter wie Häuser oder Fahrzeuge.

So haben diese Bildungskredite in den USA bei der Ausfallhäufigkeit unter den Verbraucherkrediten im letzten Quartal die Kreditkarten an der Spitze abgelöst. Grundlage sind Daten der Federal Reserve Bank of New York. „Bildungskredite stechen unter den Verbraucherkrediten hervor”, sagte Wieting. Er verwies auf eine Studie der Rutgers University vom Mai. Demnach haben zwischen 2006 und 2011 rund 40 Prozent der Hochschulabgänger in den USA wegen der Bedienung ihrer Studienkredite den Kauf von größeren Anschaffungen zurückgestellt.

Elf Prozent der Bildungskredite waren den Fed-Daten zufolge im letzten Quartal faul – die Bedienung demnach seit 90 Tagen überfällig. Damit lag diese Quote höher als bei fünf anderen untersuchten Kreditkategorien. Auf dem zweiten Platz waren fällige und unbediente Kreditkartenkonten, die auf 10,5 Prozent kamen.

Die Lage von Studentenkrediten könne überdies noch deutlich trüber aussehen, als es die Zahlen vermuten lassen. Rund die Hälfte aller Darlehen sind derzeit nicht zahlungspflichtig gestellt, wie die Fed New York berichtete. Es gebe rückzahlungsfreie Zeiten ebenso wie temporär zurückgestellte Zahlungen. Bildungskredite belasten die Finanzen junger Amerikaner, deren Ausbildungskosten steigen und deren Gehälter zugleich sänken, schrieb Analyst Wieting.

Im Durchschnitt ist das Gehalt von Amerikanern zwischen 25 und 34 Jahren mit Vollzeitstelle und Bachelor-Abschluss zwischen 2000 und 2010 mit einer Jahresrate von 1,6 Prozent gefallen. Das geht aus Regierungsangaben hervor, die in der Studie verwendet wurden. Zugleich sind die Kosten alleine für die Ausbildung an Colleges und Universitäten um 5,6 Prozent jährlich gestiegen.

Reallöhne rückläufig – bis auf Weiteres

Apropos Löhne und Gehälter: Überhaupt können die Privathaushalte in den USA angesichts einer Reallohnentwicklung unterhalb der Inflationsrate nur unterdurchschnittlich zur US-Wirtschaftsentwicklung beitragen. Darauf verwiesen Strategen von Pavilion Global Markets in einer am Dienstag in Montreal vorgelegten aktuellen Einschätzung. Demnach sind die Netto-Stundenlöhne bei privaten Arbeitgebern nach Einrechnung der Inflationsentwicklung seit Februar 2011 bis auf einen Monat stets gefallen. Das geht aus Daten des Washingtoner Arbeitsministeriums hervor. Die Ausnahme betrifft den Juli, als die so genannten Reallöhne sich unverändert entwickelten.

“Die Verbraucher geben nur mehr aus, wenn sie sich wohlhabender fühlen”, stellte der leitende Globalstratege Pierre Lapointe von Pavilion in seiner Studie fest, die auf den 21. November datiert. Das sei im Augenblick nicht der Fall, und das wiederum sei auf die Effekte der Preissteigerungen zurückzuführen.

Die Reallöhne werden nach Ansicht der Strategen noch so lange sinken, wie die Arbeitslosenquote oberhalb von sechs Prozent liegt. Im Oktober erreichte die Quote in den USA 7,9 Prozent. Nach den von Bloomberg eingeholten Prognosen wird sich an diesem Wert im November nichts ändern. Auch die Verbraucherausgaben in den USA werden im kommenden Jahr dieser Prognose zufolge bestenfalls stagnieren, und zwar bis Finanzanlagen und Immobilienbesitz wieder im Wert steigen, was das Vermögen der Privathaushalte anheben würde.

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