Geschichte: Rätselhafte Mordserie – Das Massaker von Brabant

Veröffentlicht: Dezember 26, 2012 in Uncategorized
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28 Mordopfer und kein Täter: Anfang der 80er Jahre kam es in der belgischen Provinz Brabant zu einer Reihe von äußerst brutalen Überfällen. Die Täter sind bis heute nicht gefasst – stattdessen ranken die Theorien zum Motiv inzwischen ins Absurde.

Apokalyptische Szenen spielen sich ab in den Abendstunden des 9. November 1985 im belgischen Alost. Drei maskierte Männer steigen aus einem dunklen Golf GTI, den sie auf einem Parkplatz der Supermarktkette „Delhaize“ abgestellt haben. In ihren Händen halten sie so genannte Pumpguns und eine MAC-10-Maschinenpistole. Wortlos bewegen sie sich auf den Eingang des Supermarkts zu. Auf ihrem Weg und im Supermarkt schießen sie alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Sie flüchten mit einer Beute von umgerechnet einigen tausend Euro. Die Polizei verfolgt sie, doch die Täter entkommen unerkannt. Auf dem Gelände des Supermarkts in Alost liegen acht Leichen.

Mit dieser Tat endet eine Serie von brutalen Überfällen, die drei Jahre zuvor in der belgischen Provinz Brabant begonnen hatte. Sie beginnt im März 1982 mit dem Raub einer doppelläufigen Schrotflinte in einem Waffengeschäft in Dinant ohne Tote und Verletzte. Die Täter steigern sich in ihrer Brutalität, sie töten den Concierge eines Hotels, den sie zuvor foltern, einen Taxifahrer, die Filialleiter von Supermärkten und schließlich am 1. Dezember 1983 ein Juweliersehepaar. Kurioserweise stecken sie bei diesem Überfall nur einige wertlose Schmuckstücke ein. Dann reißt die Mordserie plötzlich ab wie ein böser Spuk.

Der Alte, der Killer und der Riese

Wer sind die kaltblütigen Mörder, die die belgische Provinz Brabant in Angst und Schrecken versetzten? Fest steht nur, dass es drei Haupttäter gab, die von Zeugen beschrieben wurden: Einer wurde wegen seines Alters als „der Alte“ bezeichnet, einer als „der Killer“, weil er hemmungslos tötete und die meisten Opfer umbrachte, der dritte wegen seiner Größe als „der Riese“. Diese Bande wurde nach dem Ort eines Überfalls erst die „Bande von Nivelles“ genannt, später aufgrund ihrer Gewaltexzesse einfach „Les tueurs fous“ (die wahnsinnigen Killer).

Ziemlich schnell zeichnet sich für die Ermittler ab, dass hier eine gut organisierte Gruppierung am Werk ist. Kopfzerbrechen bereitet die Suche nach dem Motiv. Die Brutalität der Morde erscheint angesichts der teilweise lächerlichen Beute sinnlos.

Täter aus dem Geheimdienst?

Gerüchte, die Mörder stammten aus dem Inneren des belgischen Sicherheitsapparats, tauchen gleich zu Beginn der Ermittlungen auf. Es wird spekuliert, dass das Nato-Geheimnetzwerk „Gladio“ in die Taten involviert sein könnte. „Gladio“ wurde in den 50er-Jahren mit dem Ziel gegründet, in allen Nato-Mitgliedsstaaten so genannte Stay-behind-Einheiten aufzustellen. Diese Einheiten rekrutierten sich aus Militär und Geheimdiensten, in einigen Ländern aber auch aus militärischen Polizeieinheiten wie der Gendarmerie. Die sollten im Fall der Machtübernahme durch eine kommunistische Regierung in einem Nato-Land gegen diese Regierung Sabotage- und Guerilla-Anschläge verüben. Viele Mitglieder dieser Geheimeinheiten waren rechtsextrem.

Für die Theorie spricht die zeitliche Übereinstimmung. Zu der Zeit der Morde in Belgien verfolgen rechtsgerichtete Mitglieder in Militär- und Geheimdienstkreisen in Italien, die „Gladio“ zugerechnet werden, eine „Strategie der Spannung“. Sie versuchen, zum Beispiel durch fingierte Attentate, eine innere Bedrohungssituation zu schaffen, die einer streng konservativen Politik nutzen soll.

Soldaten, Berufsverbrecher oder Pädophile?

Tatsächlich sind die Ermittler angesichts der militärischen Präzision der Täter von Brabant schon sehr früh der Ansicht, diese müssten eine militärische Ausbildung genossen haben. Verletzte Polizisten, die die Mörder verfolgen, sind aufgrund der Art, wie die Täter ihre Waffen ziehen, halten und handhaben, überzeugt, Kollegen vor sich zu haben. Auch die erstaunliche Geschicklichkeit im Umgang mit den Pump Guns erstaunt die Ermittler. Wegen des starken Rückstoßes ist es für einen ungeübten Schützen äußerst schwierig, mit einem solchen Gewehr zielsicher zu schießen. Spezialeinheiten der Gendarmerie sind jedoch darin trainiert.

Eine weitere Theorie: hochrangige Persönlichkeiten aus Pädophilenkreisen könnten die Morde in Auftrag gegeben haben. Diese stammten demnach aus einem Zirkel aus hochrangigen Mitgliedern der Regierung, des belgischen Adelshauses und der belgischen Oberschicht, die in den 70er-Jahren Sexpartys mit Minderjährigen veranstaltet haben sollen. „Les ballets roses“ („Rosa Ballette“), so die zynische Tarnbezeichnung für diese Partys, von denen geheime Videoaufzeichnungen existiert haben sollen. Der Verdacht: Einzelne Opfer der Nivelles-Bande könnten in die Affäre verwickelt sein. Besaßen sie eine Kopie dieser Aufzeichnungen? Versuchten sie, einen der Teilnehmer zu erpressen? Konnte oder wollte der Erpresste die Geldsumme nicht aufbringen und ließ daher die Erpresser umbringen? Warum dann aber die vielen anderen Opfer?

Niemand kommt hinter die Motive für die Morde. Die Bande macht weiter. Nach fast zwei Jahren des Schweigens tauchen die Mörder wieder auf. In den Abendstunden des 27. September 1985 schlägt die Killerbande im „Delhaize“ von Braine l’Alleud zu. Drei Menschen sterben. Die Mörder rasen auf der Autobahn in das 30 km entfernte Overijse. Wieder ist ein „Delhaize“-Markt das Ziel. Fünf Menschen werden ermordet.

Ein Ende mit Schrecken

Das letzte Mal schlagen die Killer am 9. November 1985 in Alost zu, dann verschwinden sie. Der König ruft die Fallschirmjäger zu Hilfe, die mit Sturmgewehren auf Landstraßen und Straßenkreuzungen patrouillieren. Danach endet die Mordserie – bis heute. Die Bilanz: 28 Tote, mehr als 20 Verletzte und unzählige schwer traumatisierte Personen. In einem Wald bei Braine-le-Comte findet die Polizei später neben dem ausgebrannten Golf GTI angebrannte Schecks aus dem Supermarkt in Alost, abgerissene Papierstreifen von Schrotmunitionsschachteln und eine angesengte Enzyklopädie über Munition. 1987 werden in einem Kanal bei Ronquières ein Plastiksack mit Gewehren und anderen Waffen und kugelsichere Westen entdeckt. Die Waffen waren sowohl in der ersten Welle 1982/1983 als auch bei der zweiten Welle 1985 benutzt worden. Anhand dieser Waffen, von DNA-Spuren und ballistischen Untersuchen werden der Bande von Nivelles offiziell 22 Taten zugerechnet.

Das belgische Parlament ruft zwei Untersuchungskommissionen ins Leben, 1988 und 1995. Sie erbringen keinerlei Ergebisse. Im Jahr 2004 durchsucht die Polizei den Wald Bois de la Houssière. Dort waren die drei Anführer der Mörderbande zuletzt von Zeugen gesehen worden. Die Einheiten suchen nach der Leiche des „Riesen“, der bei dem letzten Überfall tödlich verletzt worden sein soll. Sie finden sie nicht. Die belgische Supermarktkette „Delhaize“ setzt eine Belohnung von 247.000 Euro auf die Ergreifung der Täter aus. Die Zeit spielt für die Mörder. Nach belgischem Strafrecht verjähren die Taten im Jahr 2015.

Originalartikel eines tages – SPIEGEL ONLINE

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