König-Fahd-Akademie verherrlicht Kampf gegen „Ungläubige“

Veröffentlicht: Februar 10, 2013 in Uncategorized
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Die Schulbücher der König-Fahd-Akademie in Bonn verheißen Märtyrern „Belohnungen“ im Paradies. Das geht aus den übersetzten Texten hervor, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Auszügen vorliegen.

In der Drachenburgstraße in Bonn-Mehlem leuchtet die Kuppel der König-Fahd-Akademie in der Nachmittagssonne. Ein mannshoher Zaun umringt das Gelände der Schule mit seinen Grünanlagen, hellen Gebäuden und dem weithin sichtbaren Minarett – ein Stück Orient im Süden von Bad Godesberg. Reihenhäuser, Gewerbebetriebe und kleine Läden liegen in der Nachbarschaft. Das Tor ist geschlossen; seit Anfang Juni sind Ferien, drei Monate lang. Wenn im September der Unterricht für die Klassen eins bis zwölf wieder beginnt, werden weniger Schüler als bisher die Akademie besuchen, die 1995 von der saudischen Königsfamilie für 30 Millionen Mark errichtet worden war. Nur etwa 30 statt bisher doppelt so viele Anmeldungen gibt es für die erste Klasse.

Aufruf zum „Heiligen Krieg“

Andere Eltern bekommen in diesen Tagen Briefe von den Schulbehörden, in denen sie aufgefordert werden, ihr Kind auf eine deutsche Grundschule umzumelden. Seit im Herbst 2003 bekannt wurde, daß in der Moschee der Fahd-Akademie während des Freitagsgebetes zum „Heiligen Krieg“ gegen Nichtmuslime aufgerufen wurde und sich in deren Umfeld muslimische Extremisten aufhalten, sind die Behörden alarmiert. Zunächst wollte der Kölner Regierungspräsident Jürgen Roters die Schule schließen. Doch das Auswärtige Amt intervenierte. Die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien würden leiden. Abgesehen davon gebe es auch eine deutsche Schule in Riad, deren Existenz man nicht gefährden wolle.

„Die Schule austrocknen“

Daraufhin ersann Roters in Abstimmung mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung, dem Auswärtigen Amt und dem Schulamt der Stadt Bonn eine neue Strategie. „Die Schule von unten austrocknen“, lautet das nicht offiziell erklärte Ziel. „Wir setzen uns mit aller Macht dafür ein, die Schülerzahl zu reduzieren“, sagte Roters. Zugleich sollen die fundamentalistischen Tendenzen an der Schule und in ihrem Umfeld unter Kontrolle gebracht werden. Jahrelang wurden die Ausnahmegenehmigungen zum Besuch der Schule allzu großzügig erteilt. Denn zum einen galt die „Diplomatenschule“ anfangs als Prestigeprojekt, das den internationalen Anspruch der um den Regierungssitz ärmer gewordenen Bundesstadt Bonn unterstreichen sollte. Zum anderen sparte es Kosten, die zunächst etwa 600 Schüler nicht auf deutschen Schulen unterbringen zu müssen. Auch die Lehrer der abgebenden Schulen waren froh, sich nicht mit den sprachlichen Schwierigkeiten der arabischen Kinder befassen zu müssen. Viele von ihnen waren nicht im deutschen Kindergarten.

Von der Schulaufsicht unbeachtet

Über Jahre hinweg lief der Schulbetrieb nach saudischen Lehrplänen und mit saudischen Büchern unbeachtet von der deutschen Schulaufsicht. Das hatte zwar juristisch seine Richtigkeit, war aber offenbar ein politisches Versäumnis. Jetzt beobachtet der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz mit nachrichtendienstlichen Mitteln das Umfeld der Schule, „weil sie zumindest in der Vergangenheit Anziehungspunkt für Extremisten war“ – mehr will die Sprecherin des Innenministeriums dazu nicht sagen. Roters berief eine „Pädagogische Konferenz“ aus deutschen und saudischen Lehrern ein, die sich über Lerninhalte und Erziehungsziele austauschen sollen. Es wurden gegenseitige Hospitationen im Unterricht vereinbart; den saudischen Lehrern soll hiesiges Material für den Deutschunterricht überlassen werden – gedacht als eine Art „Trojanisches Pferd“ für die Vermittlung westlicher Werte. Außerdem gründete Roters ein „Deutsch-saudisches Komitee“ aus Mitgliedern der saudischen Botschaft, des Regierungspräsidiums, des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums, der Schulleitung und des Schulamts der Stadt Bonn, das sich einmal im Quartal trifft. Bisher wurde vereinbart, daß in der Moschee der Schule außer dem Freitagsgebet keine Veranstaltungen mehr für die Allgemeinheit stattfinden dürfen. Denn der Gebetsraum hatte sich zu einem Gemeindezentrum für die Muslime der Umgebung entwickelt. Islamfachleute werden künftig im Auftrag des Regierungspräsidenten stichprobenartig die Freitagsgebete besuchen, um den Inhalt der Predigten zu prüfen. Noch Ende letzten Jahres war vereinbart worden, daß die Schulbücher der Akademie vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in Soest untersucht werden.

Fundamentalistische Weltsicht?

Für das Gutachten, das noch unter Verschluß gehalten wird, wurden 22 von 60 in Frage kommenden Bücher übersetzt. In ihm soll die schwierige Frage beantwortet werden, ob an der Schule eine fundamentalistische Weltsicht gelehrt wird, die terroristischen Aktionen den Boden bereitet. Die Übersetzungen liegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Auszügen vor. Ein Lesebuch für die sechste Klasse entfaltet eine besorgniserregende antiwestliche und antijüdische Geschichtssicht. Unter einer Landkarte Saudi-Arabiens und des Mittelmeerraums heißt es: „Das ist deine islamische Gemeinschaft (…), die eine glorreiche Geschichte hat, angefüllt mit Dschihad, wohlriechend von Opfern, voll von Triumph über einen Zeitraum von mehr als 1400 Jahren. Einstmals versuchten die Kreuzfahrer, die islamische Gemeinschaft von ihrer Religion loszureißen. Aber sie waren nicht erfolgreich. Neuerdings versucht der Westen, einige ihrer Söhne mit allen Mitteln loszureißen. Die Welt hat von der Zivilisation und Kultur der islamischen Gemeinschaft viel empfangen, aber die haßerfüllten Kreuzzüge, die sich auf die Hinterhältigkeit der Juden und auf deren Verrat gestützt haben, haben auf die Zerreißung der islamischen Gemeinschaft hingearbeitet.“

Christen und Juden als Feinde

In diesem Text wird eine Jahrhunderte fortdauernde Bedrohung der muslimischen Länder durch „den Westen“ unterstellt. Als Feinde gelten Christen und Juden gleichermaßen, der Kampf gegen sie wird verherrlicht („wohlriechend von Opfern“). Von Toleranz gegenüber Andersgläubigen als Erziehungsziel kann in diesem wie in anderen Texten keine Rede sein. In einem Religionsbuch für die erste Klasse fordert eine didaktische Anweisung die Lehrer dazu auf, „zu verdeutlichen, daß außer dem Islam keine Religion wahr ist, etwa das Judentum oder die Nazarenerreligion“. Neben dem unbedingten Gehorsam gegenüber Allah, gegenüber religiösen Lehrern und den Eltern wird dem Schüler in den Religionsbüchern das Einhalten der Gebote nahegelegt – andernfalls drohten „quälende Strafen im Diesseits“. In einem Memorier-Text für die erste Klasse heißt es: „Entweder wird er getötet oder körperlich gezüchtigt oder ins Gefängnis geworfen“ Im Jenseits erwarte ihn „Vernichtung“. Ein Schüler der siebten Klasse lernt aus dem Lesebuch, daß Allah denen, „denen es vergönnt ist, auf dem Weg Gottes zu sterben, (…) ein Leben im Paradies schenken (wird). (…) Und sie (die Kämpfer) werden auch glücklich sein, dort zu erfahren, was Allah für die noch lebenden Mudschaheddin an Belohnungen und Verzeihungen bereithält.“

Aufforderung zum Sterben

Wie eine Aufforderung zum Sterben im bewaffneten Kampf lassen sich die Sätze verstehen, die Schüler in der Klasse sechs unter der Überschrift „Sei mutig!“ auswendig lernen sollen: „Das Streben nach Höherem und der Wunsch nach Verwirklichung ihrer Hoffnungen sucht die Seelen vieler junger Menschen zu erfassen. Dieses Streben beschäftigt ihr Denken. Sei nicht zufrieden mit dem Geringen. (…) Denn der Geschmack des Todes in einer armseligen Angelegenheit ist nicht anders als in einer großartigen Sache.“ Bisher waren die deutschen Behörden der Ansicht, daß die Schließung der Schule rechtlich nicht möglich sei. Mit der Kenntnis der Schulbuchtexte könnte sich das ändern. Nach dem nordrhein-westfälischen Schulordnungsgesetz, Paragraph 45, kann eine ausländischen Schule geschlossen werden, wenn „Träger, Leiter oder Lehrer den Anforderungen nicht entsprechen, die aufgrund von Gesetzen vorgeschrieben oder zum Schutz der Schüler oder der Allgemeinheit an sie zu stellen sind“.

Gesetzesänderung geplant

Wegen der Fahd-Akademie wird nun das Gesetz geändert. Künftig soll die Schulpflicht nur noch an einer deutschen oder an einer anerkannten ausländischen Schulen erfüllt werden können, an der das Internationale Baccalaureat oder ein Abschluß eines EU-Staates erworben werden kann sowie ausreichend Deutsch unterrichtet wird. Ausnahmen sollen nur für Diplomatenkinder sowie für solche Familien gelten, die sich nur vorübergehend in Deutschland aufhalten – also nicht mehr für Migranten. Bildungsministerin Ute Schäfer hofft jetzt, daß die Kenntnis der Schulbuchinhalte neue Argumente für die Prozesse mit den Eltern liefert. Die meisten von ihnen kämpfen mit großer Energie darum, daß ihre Kinder an der Fahd-Akademie bleiben können. Dreihundert kamen vor zwölf Tagen zu einer Demonstration in die Bonner Innenstadt. Viele haben gegen die Rücknahme der Ausnahmegenehmigungen geklagt, häufig mit Erfolg.

Fragwürdige Rückkehrabsicht

Etwa zwei Drittel der 445 Jungen und Mädchen, die im Dezember 2003 zur Fahd-Akademie gingen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei ihnen sei die Rückkehrabsicht der Familie besonders fragwürdig, argumentieren die Schulbehörden. „Das private Interesse“ daran, daß ihr Sohn an der Fahd-Akademie bleibe, stehe „hinter dem Interesse der Allgemeinheit an einer sozialen Integration“ durch den Besuch einer deutschen Schule zurück, schrieb jetzt die rheinland-pfälzische Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion in Koblenz der Familie Ola in Remagen. Der Vater des sieben Jahre alten Ziad, Abul Ola, war, als er 1997 arbeitslos wurde, wegen der Akademie aus dem Rhein-Main Gebiet in die Nähe von Bonn gezogen. Abul Ola hat 14 Kinder im Alter von 27 Jahren bis drei Monaten; den jüngeren Kindern wollte der aus Jordanien stammende Ingenieur für Kunststofftechnik den Besuch der arabischen Schule in Bonn – mit ihrer neuen Dependance in Berlin der einzigen in Deutschland – ermöglichen. Ola, der 1972 als junger Mann nach Deutschland kam, „weil hier das Studium nichts kostet“, arbeitete einige Jahre lang in seinem Beruf.

Initiative zum Erhalt der Fahd-Akademie

Heute ist er Vorsitzender des „Arabisch-deutschen Familienvereins“ in Bonn, der in einem unscheinbaren Hinterhof in der Nähe der Fahd-Akademie untergebracht ist. Dort findet während der Sommerferien Koranunterricht statt, manchmal engagiert der Verein auch eine Deutschlehrerin. Denn an der Fahd-Akademie wird in manchen Jahrgängen nur eine Stunde Deutsch in der Woche unterrichtet. Der Familienverein arbeitet eng zusammen mit der „Elterninitiative der König Fahd-Akademie“. Diese Initiative kämpft für den Erhalt der Akademie in ihrer jetzigen Form. Ihr Vorsitzender ist Mahmud Abdalwahab. Er kam 1986 nach Deutschland, um in Duisburg in Chemie zu promovieren. Abdalwahab, der zuletzt als Computerfachmann gearbeitet hat, ist heute arbeitslos. Vor vier Jahren zog er mit seiner sechsköpfigen Familie nach Bonn, um seinen ältesten Sohn Ahmad an der König-Fahd-Akademie einzuschulen. Auch Ahmads Bruder Mohammed lernt an der Akademie; doch den Prozeß um Mohammeds Ausnahmegenehmigung hat der Vater verloren. Ahmad hat die Ausnahmegenehmigung noch.

Muslime als „Opfer einer Verschwörung“

Mahmud Abdalwahab jedenfalls will kämpfen: „Wir ziehen bis vor das Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.“ Er will seine Kinder um jeden Preis vor westlichen Einflüssen schützen. Notfalls will er sie nach Ägypten zurückbringen. Er sieht die Muslime als Opfer einer Verschwörung von Andersgläubigen: „In Deutschland wird von Demokratie, Toleranz und Religionsfreiheit geredet, aber für Muslime gilt das nicht.“ Moscheen seien nur in Gewerbegebieten erlaubt; von den Kindern verlange man, „daß sie ihre Religion und ihre Muttersprache aufgeben“. Abdalwahab, der bei der Demonstration einer der Hauptredner war, ist in der Lage, Gruppen um sich zu scharen und zu agitieren. Er ist klug, verbittert und fromm. An der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert er im Fernstudium islamische Theologie. Er gibt keiner Frau die Hand, läßt seinen Bart wachsen und will auf keinen Fall fotografiert werden. In Duisburg, seinem früheren Wohnort, war er Vorsitzender des „Internationalen Treffs“. Dort lernte er Christian Ganzcarski kennen, einen polnischen Spätaussiedler, der zum Islam konvertierte. Ganczarski war Mitwisser des Attentats auf die Synagoge in Djerba.

Originalartikel Frankfurter Allgemeine Zeitung

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