Grundzüge islamistischer Ideologie

Veröffentlicht: Februar 27, 2013 in Migration & Islam
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So wenig wie der Islam in seinen zahlreichen Glaubensausformungen und Interpretationen im gelebten Alltag der Muslime einheitlich ist, so wenig sind auch die Ideologien islamistischer Gruppierungen homogen. In der Vielgestaltigkeit der Ideologien offenbart sich der Islamismus als sozio-politisches Phänomen.

Islamistische Bewegungen beziehen sich zwar stets auf den Islam, doch ihre Interpretationen von Glaubensinhalten sind sehr unterschiedlich. Zum einen resultieren diese aus den politischen Umständen, aus denen eine Bewegung erwachsen ist. Zum anderen dienen sie maßgeblich zur Legitimierung der Ziele, die eine Bewegung verfolgt. Diese Ideologisierung des Islam, bei der jede Strömung ihren Anhängern ein widerspruchsfreies System aus Überzeugungen und Erklärungen bietet, das sie abgrenzend und absolut nach innen wie außen vertritt, stellt den Kern des Islamismus dar. Dennoch lassen sich bei aller Verschiedenheit auch Gemeinsamkeiten in der Ideologie islamistischer Gruppierungen benennen. So sind diese ihrer Natur nach totalitär, da sie ihre Handlungsweisen primär auf vermeintlich „göttliche“ Gebote und Bestimmungen zurückführen. Dieser Glaube ist in einer Gesellschaft zu leben, die der „Ordnung des Islam“ unterliegt und alle Lebensbereiche nach Maßgabe von Koran (dem von Gott unmittelbar verkündeten Wort, Schrift des Islam) und Sunna (den Berichten aus dem Leben des Propheten Muhammad) zu regeln vermag. Hier zeigt sich der Islamismus als „rückwärts gewandte Utopie“: Als gesellschaftlicher Idealzustand wird ein politisches Gemeinwesen angestrebt, das man in der Frühzeit des Islam als verwirklicht betrachtet. Doch diese Utopie vermag keine Antworten auf Fragen nach der Regierungsform, den Menschen- und Minderheitenrechten, nach dem Verhältnis zu anderen Staaten oder der Wirtschaftsordnung zu geben, denen sich Staaten heute typischerweise gegenüber sehen. Insbesondere salafitische Strömungen als extremistische Spielarten des Islamismus stellen eine Bedrohung für die freiheitlich demokratische Grundordnung dar. Obgleich sie im öffentlichen Diskurs der Gewalt abschwören, verfolgen sie unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit und Gesetzestreue antidemokratische Ziele. Mit propagandistischen Mitteln soll versucht werden, Vorstellungen und Werte in der hiesigen Gesellschaft zu verankern, die nicht nur laufende Dialog- und Integrationsbemühungen untergraben, sondern auch  die Gültigkeit geltender Rechtsnormen aushebeln. Hierbei bedient man sich in der Regel einer gezielt gelenkten „Missionstätigkeit“ (Da´wa) als Methode. Ausgehend vom umfassenden und alleinigen Wahrheitsanspruch der eigenen Lehre werden die auf unterschiedlichen Traditionen basierenden islamischen Strömungen als Zielgruppe angegangen. Indem professionell geschulte Propagandisten an die islamische Identität dieser Personenkreise anknüpfen, wird die Vielfalt der Glaubenspraktiken als eine Abirrung vom „wahren Glauben“ dargestellt, den es durch Argumente von Anhängern der eigenen Bewegung zu korrigieren gilt (Reislamisierung). Zusätzlich wird auch versucht, Angehörige anderer Religionen zum Islam zu konvertieren.

Kennzeichnend für den Salafismus ist das Bestreben, den Islam von fremden Elementen reinigen zu wollen, um ihn auf einen imaginären Kernbestand von Aussagen und Praktiken zurückzuführen, die dem Vorbild des Propheten Muhammad und der Generation der frühen Muslime entsprechen sollen. Auf diese Weise wird eine totalitäre Homogenisierung der Sichtweisen über den Islam angestrebt, als dessen Dreh- und Angelpunkt  ein islamischer Idealzustand betrachtet wird, der zur Zeit der islamischen Urgemeinde in Medina vorgeherrscht haben soll. Dominiert wird diese Form des Islamismus in Deutschland wie auch auf internationaler Ebene vom Salafismus wahhabitischer Prägung. Beim Wahhabismus handelt es sich um eine Erneuerungsbewegung, die im heutigen Saudi-Arabien im 18. Jahrhundert von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab ins Leben gerufen wurde. Im Zentrum der wahhabitischen Glaubensauffassung steht die Lehre von der absoluten Einheit Gottes (Tawhid), der zufolge alle gottesdienstlichen Handlungen nur auf Allah bezogen werden dürfen. Dies impliziert auch, dass im gesamten Alltag das profane Verhalten der Menschen dieser Lehre entsprechen muss. Alle Formen von Glaubens- und Lebenspraktiken, die von dieser engen Auffassung vom Islam abweichen, werden vom Wahhabismus als „unerlaubte Neuerung“ (bida´) betrachtet, d.h. Verhaltensweisen, für die es in den religiösen Quellentexten keine Entsprechung gäbe. Daher werden in erster Linie zunächst Muslime, die die wahhabitische Glaubensauffassung nicht teilen, als „Ungläubige“ diffamiert. Ihr Status als Muslime wird in Zweifel gezogen, wodurch sie faktisch in Acht und Bann gestellt werden können. Insbesondere die Schiiten geraten immer wieder ins Visier der Wahhabiten, da gemäß der schiitischen Glaubensauffassung außer Allah auch noch die leiblichen Nachfahren des Propheten Muhammad eine zentrale Rolle einnehmen, was von wahhabitischen Gelehrten als Häresie an sich und damit Abfall vom Glauben betrachtet wird. Das Konzept des „Unglaubens“ wird außer auf von der wahhabitischen Lesart des Islam abweichende Muslime noch auf andere Personenkreise, insbesondere Anhänger des Judentums und Christentums angewandt. Praktisch wird jeder zu einem „Ungläubigen“, der den postulierten wahhabitischen Maßgaben nicht entspricht. Dies mündete schon sehr früh in der wahhabitischen Forderung an die „wahren Muslime“, mit den Ungläubigen auf allen Ebenen zu brechen und keinerlei freundschaftliche Kontakte zu ihnen zu unterhalten. Durch diesen Glaubensgrundsatz, der als „die Treue und der Bruch“ bekannt wurde, werden Muslime angewiesen, den Wesensfremden Verachtung und Feindschaft entgegen zu bringen. Dass solche Aufforderungen längst nicht mehr nur auf Arabisch verbreitet werden, sondern in größerem Umfang auch auf Deutsch zirkulieren, belegt folgender Auszug aus einer Internetseite:

  • „Wer auch immer deshalb einen Ungläubigen nicht für solch einen hält, so ist er selber ein Ungläubiger- wie der Ungläubige selbst. (…..) Man muss daran glauben, dass die Juden Ungläubige sind und auf einer falschen Religion beruhen. Und er muss sich von Ihnen und ihrer Religion loslösen, sie für das Wohlgefallen Allahs hassen und Feindschaft gegen sie hegen. Dies gilt auch für die Christen; man muss daran glauben, dass sie Ungläubige sind. Ebenso die Parsen, die Götzendiener und alle anderen Arten an Ungläubigen.“ [Internetauswertung vom April 2006]

Ein weiteres Wesensmerkmal der wahhabitischen Islamlehre besteht in der kompromisslosen Befürwortung des islamischen Rechts (Scharia) und dessen uneingeschränkte Umsetzung. Abgesehen von der Inkompatibilität islamischer Rechtsnormen mit den grundgesetzlichen Bestimmungen der Bundesrepublik fällt im Zusammenhang mit dem Wahhabismus die Betonung der koranischen Körperstrafen als integraler Bestandteil der islamischen Lebensordnung ins Auge. Muhammad Bin Salih al-UTHEIMIN, ein hochrangiger unlängst verstorbener wahhabitischer Rechtsgelehrter, fasst diesen Sachverhalt in einem Buch, das inzwischen auch in deutscher Sprache erhältlich ist, folgendermaßen zusammen:

  • „Das Abschneiden der Hand eines Diebes oder das Steinigen des Ehebrechers, ist für den Dieb oder den Ehebrecher vom Übel, doch es ist gut für sie auf der anderen Seite, denn es ist Buße (Kaffara) für sie beide, so dass die Bestrafung in diesem Leben und die im Jenseits nicht für sie zusammen vereint werden. Es ist auch in anderer Hinsicht gut. Die Anwendung dieser Bestrafung ist ein Schutz für Eigentum, Ehre und verwandtschaftlicher Beziehungen.“ [Zitiert nach: Sheikh Muhammad bin Saleh Al-UTHEIMIN, die Glaubenslehre der Sunnitischen Gemeinschaft (Aqida Ahl As-Sunna Wal-Jamah).]

Durch eine zunehmend intensiver betriebene „Missionsarbeit“ (Da´wa) unter in Europa lebenden Muslimen soll ein Islamverständnis etabliert werden, dass darauf ausgerichtet ist, anderen Ansichten und Auffassungen jeglichen Respekt zu versagen. Als probate Mittel werden hierbei Einschüchterungen und gesellschaftliche Ächtung betrachtet, wobei auch vor Gewaltandrohungen nicht zurück geschreckt wird. [Beispielsweise wird in einer der Hauptschriften von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab mit dem Titel „die Offenlegung der Scheinargumente gegen den Monotheisten“ (Kaschf al-Schubahat fi al-Tawhid) an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass schon Muhammad gegen seine Widersacher Gewalt angewendet hätte. Diese Schrift ist inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt worden und wurde hier mehrfach in gedruckter Form sichergestellt.] Diesbezüglich sind mittlerweile organisierte Strukturen erkennbar, die Verbindungen zu einflussreichen saudi-arabischen Predigern und islamischen Gelehrten aufweisen. Ausgehend von islamistischen Zirkeln werden Schriften dieser einschlägigen Protagonisten der wahhabitischen Szene in Moscheen und an Info-Ständen verteilt bzw. stehen zur Einsicht zur Verfügung. Auch dem Internet kommt bei der Steuerung der Propaganda als leicht nutzbarem Kommunikationsmedium Bedeutung zu. Den gewaltbereiten Bewegungen ist ein dualistisches Weltbild eigen. Dieses trennt scharf zwischen „gut“, also islamisch, und „böse“, somit unislamisch, mit der Besonderheit, dass als unislamisch aus deren Sicht auch moderne oder liberale Muslime sowie innerislamische Reformbewegungen gelten. Diese begingen „Verrat am Islam“ und stünden den „Ungläubigen“ gleich, die im Djihad, dem „Kampf in Gottes Willen“, hier als ausschließlich bewaffneter Kampf verstanden, getötet werden dürften. Zu den Feindbildern islamistischer Bewegungen zählen insbesondere Israel und der Westen und seine Verbündeten, was mittlerweile auch Deutschland mitumfasst aufgrund seines starken Engagements in internationalen Friedenseinsätzen. Als Merkmale einer islamistischen Ordnung eint Islamisten die Forderung nach Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, als gesellschaftlicher Ordnungsrahmen, und nach einer Wirtschaftsordnung, die als Kernelement das islamische Zinsverbot beachtet. Die Mehrzahl islamistischer Bewegungen richtet sich mit diesen Forderungen revolutionär sowohl gegen die Regime und Eliten in ihren Ursprungsländern, als auch gegen die bestehenden Gesellschafts- und Rechtsordnungen in westlichen Ländern. Vorrangig werden der Politikwechsel im Heimatland und damit der Sturz der Regierung angestrebt. Erst sekundär sollen die Ziele über die nationalen Grenzen hinaus verwirklicht werden. Die Idee vom „nahen Feind“ spielt bei den Jihadisten eine wichtige Rolle. Die politischen und wirtschaftlichen Eliten werden beschuldigt, „Marionetten“ des Westens und Israels zu sein. Häufig wird dieser Feind als noch gefährlicher und „unislamischer“ als der erklärte Hauptfeind, der Westen, dargestellt. Hier spielt der Vorwurf an die eigene Regierung eine Rolle, sich wider besseren Wissens als Muslim gegen den „wahren Islam“ zu richten und somit ketzerisch den Glauben zu verraten.

Originalartikel Verfassungsschutz Baden-Württemberg

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