Allensbach-Analyse – Tatsächliche und gefühlte Intoleranz

Veröffentlicht: März 24, 2013 in Uncategorized
Schlagwörter:, , ,

Das Grundgesetz garantiert die freie Meinungsäußerung. Aber hat sie Grenzen? Wo gibt es gesellschaftliche Tabus? Es zeigt sich, dass das Grundgesetz mehr erlaubt als die Gesellschaft.

Als der französische Publizist und Pionier der Politikwissenschaft Alexis de Tocqueville 1831 die Vereinigten Staaten von Amerika bereiste, stieß er auf einen merkwürdigen gesellschaftlichen Widerspruch. Obwohl er sich in dem Land mit der freiheitlichsten Gesellschaftsordnung seiner Zeit befand, bemerkte er immer wieder Zeichen persönlicher Unfreiheit, die ihm aus Europa unbekannt waren. Bei den demokratischen Völkern, schrieb er, erscheine „die öffentliche Gunst ebenso nötig wie die Luft, die man atmet, und mit der Masse nicht im Einklang zu sein, heißt sozusagen nicht leben. Diese braucht nicht die Gesetze anzuwenden, um die Andersdenkenden unterzukriegen. Die Missbilligung genügt (…). Ich kenne kein Land, in dem im Allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und weniger wahre Freiheit herrscht als Amerika.“ Man fragt sich zwar ein wenig, was Tocqueville wohl unter „wahrer Freiheit“ verstanden haben mag, doch seine Beobachtung lässt sich in ihren Grundzügen auch heute noch nachvollziehen. Immer wieder haben Reisende auf eine erstaunliche Konformität der Sitten und Normen in der amerikanischen Gesellschaft hingewiesen, die übrigens von Amerikanern selbst oft nicht bemerkt, gelegentlich sogar vehement bestritten wird. Es scheint, als würde die Abwesenheit staatlichen Zwangs unbewusst durch ein umso strikteres Regelwerk ungeschriebener Gesetze und durch eine besonders scharfe soziale Kontrolle kompensiert, die jeden, der gegen das Regelwerk verstößt, mit scharfen gesellschaftlichen Sanktionen bedroht.

Normen und ungeschriebene Gesetze

Diese Mechanismen sind nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in allen freien Gesellschaften von großer Bedeutung. Will man also verstehen, welche Kräfte in einer Demokratie vorherrschen und in welche Richtung diese sich bewegt, lohnt es sich, sich mit ihren Normen und den ungeschriebenen Gesetzen auseinanderzusetzen. Welche Meinungen und Verhaltensweisen werden geduldet und welche nicht? Wo gibt es strikte gesellschaftliche Sprachregelungen und Tabus? An welchen Punkten zeigt sich die Gesellschaft gegenüber Normabweichungen intolerant? Dies sind Fragen, die in der jüngsten Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung untersucht wurden. Es zeigt sich, dass es bei manchen Themen einen deutlichen Unterschied zwischen der tatsächlichen und der wahrgenommenen gesellschaftlichen Intoleranz gibt und dass sich am Beginn des Wahljahres die Anhänger der verschiedenen politischen Parteien unterschiedlich stark unter Druck fühlen. Grundsätzlich fühlt sich nur eine Minderheit der Deutschen in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt. Auf die Frage „Haben Sie das Gefühl, dass man heute in Deutschland seine Meinung frei sagen kann, oder ist es besser, vorsichtig zu sein?“ antworten 56 Prozent, man könne seine Meinung frei äußern, neun Prozent sagen, dies sei nur mit Einschränkungen möglich, 30 Prozent meinen, man müsse besser vorsichtig sein.

„Manche Dinge darf man einfach nicht laut aussprechen“

Dennoch spürt ein erheblicher Teil der Deutschen durchaus den sozialen Druck, dem man ausgesetzt sein kann, wenn man mit seiner Ansicht vom gesellschaftlichen Konsens abweicht. Dies zeigen unter anderem die Antworten auf die Frage: „Neulich sagte uns jemand: ‚Wenn man heute zu einigen Themen das sagt, was man wirklich denkt, wird man schnell zurechtgewiesen oder sogar beschimpft. Manche Dinge darf man einfach nicht laut aussprechen.‘ Sehen Sie das auch so, oder sehen Sie das nicht so?“ Eine knappe relative Mehrheit von 41 Prozent antwortet darauf, sie sehe das auch so, 39 Prozent widersprechen. Auf die Nachfrage, welche Themen es denn seien, bei denen man sich nicht unbefangen äußern könne, antworten auffallend viele Befragte, nämlich 35 Prozent derer, die sagten, man könne sich nicht frei äußern, mit dem Verweis auf die Themen Einwanderung oder Ausländer und Minderheiten. Der Eindruck, dass diese Themen in Deutschland der Gegenstand strikter gesellschaftlicher Sprachregelungen und damit zumindest potentiell von besonderer Brisanz sind, bestätigt sich, wenn man etwas mehr ins Detail geht und nach der Toleranz gegenüber Meinungsaussagen fragt, die von den meisten Menschen abgelehnt werden oder bei denen man zumindest annehmen muss, dass man mit ihnen in der öffentlichen Diskussion auf heftigen Widerspruch stößt. In der aktuellen Umfrage wurde erfragt, welche solcher „politisch unkorrekten“ Aussagen von der Bevölkerung geduldet und welche als inakzeptabel empfunden werden. Darüber hinaus wurde ermittelt, von welchen Aussagen die Deutschen glauben, dass man sich mit ihnen in der Öffentlichkeit Ärger einhandelt. Beides ist nicht dasselbe: Ersteres zielt auf die tatsächliche Intoleranz der Gesellschaft gegenüber bestimmten Thesen ab, Letzteres auf das Klima der öffentlichen Meinung, das mit der tatsächlichen Meinungsverteilung in der Bevölkerung nicht zwangsläufig identisch ist. Das Fragemodell funktionierte wie folgt: Die eine Hälfte der Befragten bekam einen Kartenstapel überreicht. Auf jeder Karte stand eine Aussage, die dem Grundton der öffentlichen Moral widerspricht und von der man annehmen konnte, dass sie bei vielen Menschen auf teils heftigen Widerspruch stoßen würde. Beispiele sind „Die Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“, „Man sollte die Mauer wieder aufbauen“ oder „Frauen gehören an den Herd“. Die Befragten wurden gebeten, diese Aussagen in drei Kategorien zu sortieren, nämlich einmal Aussagen, die sie richtig fanden, zweitens Aussagen, die sie zwar nicht richtig fanden, von denen sie aber meinten, es müsse erlaubt sein, so etwas zu sagen, und schließlich drittens Aussagen, von denen sie fanden, es müsse verboten sein, so etwas zu sagen. Die andere Hälfte der Befragten bekam dieselben Aussagen vorgelegt. Sie wurden jedoch gefragt, mit welchen dieser Aussagen man in der Öffentlichkeit anecken, sich „leicht den Mund verbrennen“ könne. Es zeigt sich, dass es in der Bevölkerung ein bemerkenswert großes Maß an Intoleranz gegenüber Meinungen gibt, die den eigenen Vorstellungen von einer moralisch angemessenen Haltung widersprechen. Bei zehn der insgesamt 21 zur Auswahl vorgelegten Aussagen sind erhebliche Teile von mindestens einem Drittel der Bevölkerung der Meinung, man müsse sie verbieten. Der Gedanke, dass das im Grundgesetz verankerte Prinzip der Meinungsfreiheit auch für abseitige Meinungen, für Tabubrüche und moralisch vielleicht schwer erträgliche Positionen gilt, liegt vielen Menschen offensichtlich fern.

Brennpunkte: Einwanderung und Geschlechterrollen

Aufschlussreich ist nun vor allem der Vergleich der tatsächlichen mit den „gefühlten“ Tabuzonen. Es liegt zunächst nahe anzunehmen, dass die Meinungsäußerungen, bei denen besonders viele Menschen sagen, sie sollten verboten werden, auch die sind, bei denen die meisten sagen, man könne sich mit ihnen, wie es in der Frage heißt, „den Mund verbrennen“. Doch das ist nur zum Teil der Fall. Zwar gibt es Äußerungen, die viele verboten sehen wollen und die viele Menschen auch als heikel in der Öffentlichkeit empfinden, doch es gibt auch einige Punkte, bei denen das Gefühl, dort könne man sich den Mund verbrennen, wesentlich ausgeprägter ist als die tatsächliche gesellschaftliche Intoleranz. Dies ist besonders bei Aussagen der Fall, die das Thema Einwanderung oder auch die Geschlechterrollen betreffen. Da in diesen Fällen der Eindruck, man könne sich mit einer Aussage zu diesen Themen den Mund verbrennen, nicht hauptsächlich auf der Grundlage der Beobachtung des persönlichen Umfelds beruhen kann, denn dann gäbe es die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und gefühlten Intoleranz nicht, bleibt als Erklärung letztlich nur die Berichterstattung der Medien übrig. Ein Unterschied zwischen der gefürchteten und tatsächlich erlebten Intoleranz zeigt sich auch, wenn man die Anhänger der Parteien nach ihren Erlebnissen bei politischen Diskussionen fragt. Eine Frage lautete: „Wenn Sie daran denken, wie es zurzeit so ist, wenn Sie mit anderen über Politik sprechen: Was von diesen Dingen haben Sie in letzter Zeit erlebt?“ Dazu überreichten die Interviewer eine Liste, auf der positive wie negative Reaktionen aufgeführt waren, beispielsweise „Andere haben mir zugestimmt oder genickt“, „Andere haben missbilligend die Stirn gerunzelt“ oder „Ich habe mich hinterher allein mit meiner Meinung gefühlt“.

Mut, sich zur eigenen Meinung zu bekennen

Zählt man alle Angaben der Befragten über die selbst erlebten negativen Reaktionen zusammen und bildet daraus den Durchschnitt, dann erkennt man, dass die Anhänger aller Parteien in etwa im gleichen Maße mit ihrer politischen Meinung auf Ablehnung gestoßen sind, die Anhänger der FDP jedoch etwas weniger als andere. Dennoch sagen dieselben FDP-Anhänger deutlich häufiger als die Anhänger der CDU/CSU, SPD und der Grünen, sie hätten ihren Mut zusammennehmen müssen um sich zu ihrer Meinung zu bekennen. Das Gleiche gilt noch ausgeprägter für die Anhänger der Linken. Man muss diesen Befund mit etwas Vorsicht behandeln, denn die Zahl der befragten FDP-Anhänger ist vergleichsweise klein, doch er deutet darauf hin, dass die Anhänger der FDP und der Linken zwar fürchten, mit ihrer Meinung von anderen abgelehnt zu werden, dass diese Ablehnung aber weniger stark ist als angenommen. Auch dieses Antwortmuster ist letztlich nur verständlich, wenn man die Wirkung der Medienberichterstattung als Einflussfaktor in Betracht zieht. Man kann die Bedeutung der sozialen Kontrolle als integrierende Kraft in einer freien Gesellschaft vermutlich kaum überschätzen. Jeder nimmt an diesem Prozess teil, ob er will oder nicht. 41 Prozent der Deutschen sagen, sie achteten besonders darauf, was in ihrer Umgebung geschehe. 96 Prozent geben zu Protokoll, ihnen sei schon einmal aufgefallen, dass sich jemand in der Öffentlichkeit „nicht korrekt“ verhalten habe. Fast zwei Drittel von ihnen haben auch schon einmal jemanden auf sein Fehlverhalten hingewiesen. Aus solchen Signalen bezieht der einzelne Bürger seinen Eindruck, ob er mit seiner Meinung gesellschaftlich akzeptiert ist oder nicht, und richtet sein Handeln danach aus. Dieser Prozess wird umso wichtiger, je freier eine Gesellschaft ist, je weniger das eigene Verhalten durch staatliche Zwänge bestimmt ist. Eine weitere Informationsquelle über gesellschaftliche Normen bilden die Medien. Senden sie andere Signale als die Bevölkerung selbst, kann es passieren, dass sich bestimmte Gruppen isoliert fühlen, obwohl sie es eigentlich gar nicht sind.

Originalartikel Frankfurter Allgemeine Zeitung

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s