Eine Ehrung voller Entschuldigungen

Veröffentlicht: April 24, 2013 in Uncategorized
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Daniel Cohn-Bendit, dessen Sätze über Sex mit Kindern nur „Fiktion“ gewesen sein sollen, erhält wütenden Protesten zum Trotz den Theodor-Heuss-Preis.

Es spielen sich ziemlich unschöne Szenen auf dem Stuttgarter Schlossplatz ab, der guten Stube der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Die Theodor-Heuss-Stiftung hat ins Neue Schloss geladen. Daniel Cohn-Bendit soll im Weißen Saal mit dem nach dem ersten Bundespräsidenten benannten Preis ausgezeichnet werden. Als er aus dem Taxi steigt, rufen einige der etwa siebzig Demonstranten: „Schämt euch!“ Die Junge Union und Missbrauchsorganisationen haben zu dieser Demonstration aufgerufen. Auch der Oppositionsführer im Landtag, Peter Hauk (CDU), hat sich bei den Demonstranten eingereiht. „Heuss-Preis für Kindersex“ steht auf einem Transparent. Die Junge Union hat ein Plakat im Stil der Grünen vorbereitet: „Daniel Cohn-Bendit schwärmt von Sex mit Kindern – Winfried Kretschmann schwärmt von Cohn-Bendit.“ Als der Ministerpräsident ins Schloss geht, gibt es Buhrufe. Ein Missbrauchsopfer aus der Odenwaldschule stürmt mit einem Transparent die Treppen des Schlosseingangs empor. Polizisten werfen den Mann zu Boden. Dann gibt es Grußworte, Festreden, eine Laudatio auf den 68 Jahre alten grünen Politiker. Es sprechen: der Vorsitzende der Heuss-Stiftung, Ludwig Theodor Heuss, der Enkel des Bundespräsidenten; Ministerpräsident Kretschmann, ein alter Weggefährte des Preisträgers; Roger de Weck, ein Schweizer Publizist; und schließlich Cohn-Bendit selbst. Die Laudatoren und der Preisträger müssen so viele Worte zur Rechtfertigung dieser Preisvergabe verwenden, dass man sich fragt: Warum bekommt jemand einen Preis, wenn hierfür so viel Entschuldigungsprosa nötig ist?

Äußerungen sollten schockieren

Cohn-Bendit hat 1975 in dem Buch „Der große Basar“ Pädophilie als Teil der sexuellen Befreiung gerechtfertigt. „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Das stellte mich vor Probleme… Da hat man mich der Perversion beschuldigt… Ich hatte glücklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wäre ich entlassen worden.“ Cohn-Bendits spätere Erklärung lautete immer, die Beschreibungen dieser pädophilen Vorkommnisse seien „Fiktion“ gewesen, „schlechte Literatur“, es habe kein Missbrauch von Kindern „stattgefunden“. Als Persilschein für diese Version hatte sich der grüne Politiker stets auf einen Brief aus dem Jahr 2001 berufen. Darin hatten einige von Cohn-Bendits früheren Zöglingen und deren Eltern erklärt, dass es keinen Missbrauch gegeben habe. „Wir wissen, dass er niemals die Persönlichkeitsgrenzen unserer Kinder verletzt hat. Im Gegenteil, er hat sie geschützt“, heißt es in diesem Brief, der auch von der grün-roten Landesregierung zur Entlastung Cohn-Bendits zitiert wurde. Kurz vor der Verleihung des Heuss-Preises waren nach Recherchen und einem Vorabbericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) Zweifel an der Entlastung durch diese Aussagen aufgekommen. Die Initiatorin des Solidaritätsbriefes, Thea Vogel, hatte der F.A.S. gesagt, dass sie mit Cohn-Bendit nie über mögliche Vorfälle diskutiert habe. Sie habe ihn aus politischen Gründen entlastet: „Ich war empört darüber, dass daraus eine Kampagne gegen Dany gemacht wurde, um ihn politisch zu diskreditieren. Ich fand auch die Anschuldigung gegen Dany, dass er pädophil sei, vollkommen haltlos“, sagte Frau Vogel der F.A.S. Sie musste zugeben, dass ihr Sohn zur fraglichen Zeit gar nicht von Cohn-Bendit in der Universitäts-Kita betreut worden war. Auch habe sie Cohn-Bendits Buch nicht „so genau“ gelesen. Hierauf reagiert Daniel Cohn-Bendit am Samstag im Neuen Schloss. Er zitiert ausgiebig aus einem Leserbrief, der ihn seiner Auffassung nach entlastet: „Die Äußerungen in dem Buch waren eine Fiktion und Provokation, sie sollten schockieren. Wir haben in dem Brief damals schon erklärt, dass sie im Zeitkontext gesehen werden müssen. Sie sind und waren jedoch keine Beschreibung realer Vorkommnisse in der Kita“, zitiert Cohn-Bendit.

FDP verbreitet Auszug aus „Pflasterstrand“

Er behauptet, die F.A.S. habe das Interview verkürzt – „in alter stalinistischer Methode“. Er wäre doch mit den Kindern aus der Kita nicht „bis heute“ befreundet, die damaligen Kinder würden auch nicht zu seinem Geburtstag kommen, wenn er sie tatsächlich missbraucht hätte. Als Cohn-Bendit vom frühen Tod seiner Eltern erzählt, verschlägt es ihm die Stimme, er bricht in Tränen aus. Er sagt: „Kritisiert mich für das, was ich geschrieben habe, aber jagt mich nicht für etwas, was ich nicht gemacht habe.“ Kretschmann, de Weck und Heuss begründen, warum sie Cohn-Bendit trotz allem für preiswürdig halten. Der Ministerpräsident sagt, es habe während der Achtundsechziger-Zeit Tabubrüche gegeben, die richtig gewesen seien. „Früher war Homosexualität strafbar“, heute seien bekennende Schwule Bundesminister und Ministerpräsidenten. Doch: „Bei Sex mit Kindern hört der Tabubruch auf.“ Es sei ein „elementarer Unterschied“, ob Cohn-Bendits Irrtümer verbaler Natur seien oder tatsächlich stattgefunden hätten. Aber genau das ist durch die Aussagen Thea Vogels wieder fraglicher geworden. Die baden-württembergische FDP verbreitet am Samstag einen namentlich nicht gekennzeichneten Textauszug aus der früheren Zeitschrift „Pflasterstrand“ aus dem Jahr 1978, für die Cohn-Bendit damals redaktionell verantwortlich war: „Letztes Jahr hat mich ein 6jähriges Genossenmädchen verführt. Es war eines der schönsten und sprachlosesten Erlebnisse, die ich je hatte. Vielleicht war es so schön, weil es so sprachlos war. Es war das einzige Mal, wo es mir nicht zu früh kam. Aber das war nicht wichtig in dem Moment, und es ist auch jetzt nicht wichtig, ein Traktat über das Für und Wider von Päderastie zu schreiben“, heißt es in der Zeitschrift.

Heuss redet von Hetzjagd

Der Laudator de Weck sagt, die Grenze zwischen harter Auseinandersetzung und Verleumdung verlaufe dort, wo „der Citoyen Cohn-Bendit“ verächtlich gemacht werden solle. Diskussionen im öffentlichen Raum müssten weiter der Ratio verpflichtet bleiben, es sei gefährlich, wenn die politische Kultur der amerikanischen „Tea Party“-Bewegung auch in Europa Fuß fasse. Ludwig Theodor Heuss, der Vorsitzende der Stiftung, verteidigt die Auszeichnung Cohn-Bendits ebenfalls. Ursprünglich sollte der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, die Festrede halten. Er sagte mit der Begründung ab, er wolle den Eindruck vermeiden, das Gericht billige Aussagen wie die von Cohn-Bendit. Auch Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) erschien nicht zu der Ehrung. Die Stiftung hatte zunächst erwogen, den Preis an Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) oder den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), zu vergeben. Schließlich entschied man sich für Cohn-Bendit, über die Pädophilie-Vorwürfe wurde erst in einer eilig einberufenen zweiten Sitzung gesprochen. Der FDP-Fraktionsvorsitzenden Hans-Ulrich Rülke kritisierte die Entscheidung, die linksliberale Stiftung beharrte danach erst recht auf ihrem Kandidaten. Heuss sagt, Kampagnen gehörten zwar zum politischen Geschäft, es habe jedoch im Internet eine „Hetzjagd“ gegeben. Heuss zitiert den Titel eines Buches von Horst Eberhard Richter: „Flüchten oder Standhalten“. Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums der Heuss-Stiftung und somit eine der Hauptverantwortlichen für die Auswahl des Preisträgers, sagt, vielen Kritikern sei es nur darum gegangen, die Achtundsechziger-Bewegung zu diskreditieren.

Originalartikel Frankfurter Allgemeine Zeitung

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