Der Sohn des Agenten

Veröffentlicht: Mai 3, 2013 in Uncategorized
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Unter Eid hat Andreas Kramer ausgesagt, dass sein Vater in den 1980er Jahren staatlich geförderten Terorismus kordiniert und überwacht hat. Auch in der Schweiz.

Am elften Prozesstag im Saal 1.10 der Kriminalkammer des Bezirksgerichts Luxemburg platzte eine kleinere Bombe. Es habe sich vor einigen Tagen ein Zeuge bei ihm gemeldet, dessen Aussage er dem Gericht nicht vorenthalten möchte, sagte Verteidiger Gaston Vogel laut der Zeitung «Wort». Er habe den Mann aus Deutschland sofort an einen Notar verwiesen; die eidesstattliche Aussage liege nun vor. Vogel, ein streit­barer und lauter Mann, machte eine kurze Pause und begann dann aus der Erklärung zu ­zitieren. Was danach folgte, versetzte die Medien in Luxemburg in grössere Aufregung und hat unter Umständen Auswirkungen bis nach Deutschland und in die Schweiz. Die eidesstatt­liche Erklärung könnte dem Prozess vor der Kriminalkammer des Bezirksgerichts eine neue Wendung geben.

Die Verschwörung

Seit drei Wochen wird in Luxemburg die «Bommeleeër»-Affäre verhandelt, eine Serie von 24 Sprengstoffanschlägen zwischen 1984 und 1986. Der ­Prozess ist der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die Luxemburg seit beinahe 30 Jahren in Atem hält (siehe dazu auch: «Der Schatten der geheimen Armeen reicht bis ins Heute» aus der TagesWoche vom 1. März). Vor Gericht stehen zwei Gen­darmen, zur Debatte stehen die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien. Ein Mitglied der fürstlichen Familie soll in die Anschläge verwickelt gewesen sein, der Gründer einer ehemaligen Eliteeinheit steht unter Verdacht, ja, der ganze Staat Luxemburg. Wie andere europäische Länder unterhielt auch Luxemburg in den 1980er-Jahren eine staatliche Ge­heim­armee, deren Existenz im Verlauf der «Bommeleeër»-Affäre vom da­maligen Premierminister zugegeben werden musste. Und an dieser Stelle kommt An­dreas Kramer ins Spiel. Der 48-jährige Historiker aus Duisburg behauptet, der Sohn von Johannes Kramer zu sein, ehemaliger Soldat im Rang eines Hauptmanns im Verteidigungsministerium in Bonn (dem Streitkräfteamt der Bundeswehr), Agent der Abteilung G4 des Bundesnachrichtendienstes (BND) und unter dem Decknamen «Cello» Operationsleiter der «Stay Behind» (Geheimarmee) des BND. Dieser «Cello» soll in engem Kontakt mit Charles Hoffmann gestanden haben, dem Operationsleiter der «Stay Behind» in Luxemburg, der auf einem geheimen Nato-Stützpunkt in Sardinien in Sabotage, Sprengung und Einbrüchen ausgebildet worden sei. Mit einem klaren Ziel: «Die Luxemburger Gruppe war verantwortlich für sämtliche Einbrüche und Sprengstoffdiebstähle während der Jahre 1984 bis 1985», steht in der ­eidesstattlichen Erklärung von Kramer. Die Anschläge seien als Übungen für spätere Einsätze hinter feind­lichen Linien gedacht gewesen und hätten den Zweck gehabt, die eigene Bevölkerung zu terrorisieren und auf einen Rechtsruck einzustimmen.

Eine Saubande

Die «Bommeleeër»-Affäre, geklärt in einem einzigen Satz? «Der Mann erzählt sicher keine Dummheiten», sagt Verteidiger Gaston Vogel am Telefon. Verschiedenes sei ja während des Prozesses verifiziert worden. «Was ich ganz sicher weiss: Anfang der 1980er-Jahre hat diese Sau­bande von Amerikanern ganz Europa ter­rorisiert.» Stimmen die Angaben von Andreas Kramer, dann haben sie Konsequenzen weit über Luxemburg hinaus. In seiner Erklärung erwähnt er die ­Anschläge von München (1980) und ­Bologna (1980) sowie koordinierte Aktivitäten des BND mit der Schweizer Geheimarmee P-26.

Es ist eine abenteuerliche Geschichte. Und eine unheimliche.

Ja, es ist eine abenteuerliche Geschichte, die Andreas Kramer hier erzählt. Die Geschichte einer ziemlich speziellen Vater-Sohn-Beziehung, wie er der TagesWoche bei einem Treffen in Basel sagt. Sein Vater habe in ihm einen Vertrauten gesehen und als potenziellen Nachfolger im Dienst. Darum habe er ihn zu Beginn der 1980er-Jahre, Kramer war ein Teenager, zeitnah über die Attentate informiert, die er in seiner Funktion als «Cello» koordiniert oder überwacht habe. Sein Vater sei ein überzeugter Nazi gewesen, sagt Kramer. «Er sagte mir: Wir führen Krieg gegen die Russen und müssen die antikommunistischen Umtriebe ausmerzen. So hat er seine Arbeit gerechtfertigt.» Der Sohn widersetzte sich den Versuchen seines Vaters, ihn für den Dienst nachzuziehen. Das habe das Verhältnis zwischen den beiden gestört – dennoch habe der Vater weiterhin mit seinem Sohn über die Operationen gesprochen. Zuletzt Anfang der 1990er-Jahre, als Kramer als Archivar im Bundestag arbeitete und sein Vater seine Hilfe benötigte. Warum Andreas Kramer ausgerechnet jetzt seine Geschichte erzählt, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist sein Vater im vergangenen Jahr verstorben, zum anderen bietet der Prozess in Luxemburg eine perfekte Plattform für den deutschen Histo­riker. Kramer wird in den nächsten Wochen denn auch als Zeuge in Luxemburg aussagen.

Spuren nach Deutschland

Und dort auch über jene Operationen seines Vaters sprechen, die nicht in Luxemburg stattfanden. Als das Fernsehen an einem Septemberabend im Jahr 1980 über den Anschlag am ­Oktoberfest in München berichtete, bei dem 13 Menschen starben und über 200 teilweise schwer verletzt wurden, habe er seinen Vater gefragt, ob er daran beteiligt gewesen sei. Und dieser habe gesagt: «Ja. Aber ich habe es so nicht gewollt.» Danach sei er in seinem Zimmer verschwunden und habe seine Ruhe gewollt. In der Schweiz beschäftigt sich der Basler Historiker Daniele Ganser vom Swiss Institute for Peace and Energy Research (Siper) seit Jahren mit dem Thema. In seiner Doktorarbeit erforschte er die NATO-Geheim­armeen in Europa. «Eine Beteiligung der Geheimarmeen beim Anschlag in München ist durchaus denkbar», sagt Ganser.

Hatte der Staat bei Anschlag in München die Finger im Spiel?

Auch die deutsche Bundesregierung wird sich mit Geheimarmeen ­beschäftigen müssen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele hat vergangene Woche nach Berichten in der Luxemburger Presse über Kramer eine Anfrage eingereicht: «Wie wird die Bundesregierung zur Wahrheitsfindung in diesem Prozess beitragen sowie die histo­rische Erforschung von ‹Gladio/Stay Behind› beim BND rasch voran­treiben?» Ströbele, der schon seit Langem als Mitglied des Kontroll­gremiums des Bundestags für die Geheimdienste der Frage nach einer «Stay Behind»-Organisation in Deutschland nachgeht, ist für einmal optimistisch, eine echte Antwort von der Bundesregierung zu erhalten. «Wenn die Regierung befürchten muss, dass es neue, konkrete Informationen gibt, wird sie es vermeiden, die Unwahrheit zu sagen», sagt Ströbele der TagesWoche. Die Existenz einer Geheimorganisation in Deutschland wird zwar zugegeben, noch wird aber behauptet, diese habe nur Informationen gesammelt.

Und Spuren in die Schweiz

In der Schweiz ist man da schon weiter. Die Existenz der Geheimarmee P-26 ist gut dokumentiert. Über deren konkrete Tätigkeiten weiss man allerdings nicht sehr viel. Im Zuge der Fichenaffäre zu Beginn der 1990er-Jahre wurde auf nationaler Ebene die Möglichkeit von Staatsterrorismus thematisiert. Die Schaffhauser SP-Ständerätin Esther Bührer wollte im März 1991 vom Bundesrat wissen, ob die P-26 in die beiden Anschläge von Pratteln und Rheinfelden involviert gewesen sei. Bundesrat Kaspar Villiger de­mentierte und selbst in der «Wochenzeitung» wurde dem Vorstoss von Bührer wenig Plausibilität zugesprochen. Die Anschläge fanden im Umfeld der Anti-AKW-Proteste von Kaiseraugst im Januar 1983 statt, und deren Urheber wurden im Kreis der Atomkraft-Gegner vermutet. Das sei schon richtig gewesen, sagt Andreas Kramer heute. «Aber die P-26 hatte die Finger dennoch im Spiel.» Die Atomkraft-Gegner seien von Mitgliedern der P-26 infiltriert und (sehr rudimentär) im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet worden. Bei den Anschlägen sei sein Vater vor Ort gewesen, behauptet Kramer. In Rheinfelden, wo die Sprengladung nicht zündete, seien ausschliesslich AKW-Gegner am Werk gewesen, in Pratteln, wo ein Eckmast umstürzte, hätten die infiltrierten Agenten direkt mitgeholfen. «Er hielt viel von der P-26 – die hätten die Schweiz verteidigen können, sagte er mir.» Sein Vater habe auch in Kontakt mit Oberst Efrem Cattelan gestanden, dem Kommandaten der P-26. Dieser stritt vor zwei Wochen gegenüber der TagesWoche eine Beteiligung der P-26 an den Anschlägen in der Region Basel ab. «Wenn wir das ­gewesen wären, wären die Masten gefallen.»

Originalartikel TagesWoche

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