Europa im Fadenkreuz der Hisbollah

Veröffentlicht: Mai 5, 2013 in Migration & Islam
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Nach 9/11 hat die libanesische Schiiten-Miliz ihren Terror reduziert. Spätestens seit 2008 plant sie wieder Anschläge im Ausland – und schädigt die EU mit organisiertem Verbrechen.

In der Nacht des 14. Juli 2012, zu Beginn seines vierten Verhörs durch die zypriotische Polizei, rückte Hussam Yaacoub mit der Wahrheit heraus: „Ich bin seit vier Jahren ein aktives Mitglied der Hisbollah.“ Eine Woche lang hat der bullige 24-jährige schwedisch-libanesische Doppelstaatsbürger die Ermittler belogen. Er sei nur ein einfacher Geschäftsmann, hat er am Tag seiner Verhaftung in einem Hotelzimmer in Limassol behauptet. Dann fabulierte er, er habe ohne böse Absicht die Ankunftszeiten von Flugzeugen mit israelischen Touristen in Nikosia notiert, koschere Restaurants observiert und Skizzen von den Hotels jüdischer Reisegruppen gemacht; ein ihm unbekannter Libanese habe ihn darum gebeten, „für die Religion und für ,den Zweck‘“. Der Zweck: Das ist nach Einschätzung der israelischen Geheimdienste eine Serie tödlicher Terroranschläge auf israelische Urlauber. Der Auftraggeber dieser Terrorwelle sitzt dieser Analyse zufolge in Teheran: Es sind die Quds-Brigaden, jene Sondereinheit der iranischen Revolutionsgarden, die im Ausland Anschläge durchführen. Das Ziel ist Europa: Jeder Staat, in dem Israelis Urlaub machen oder sich sonst relativ ungeschützt bewegen. So wie am 18. Juli 2012, als einem Selbstmordanschlag im bulgarischen Badeort Burgas fünf Israelis und ein bulgarischer Buschauffeur zum Opfer fielen.

Ende der Zurückhaltung

Dass die Bomben in Burgas fast zeitgleich explodierten, während der Hisbollah-Agent Yaacoub auf Zypern israelische Reisegruppen ausspionierte, war kein Zufall, erklärt Matthew Levitt. „Die Hisbollah hat Europa herausgefordert. Und wenn Europa jetzt keine entschiedene Antwort gibt, wird sie sich bestätigt fühlen“, sagt der Analyst des Washington Institute for Near East Policy, einer führenden Ideenschmiede in Fragen der Nahostpolitik, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Levitt beschäftigt sich seit Jahren mit der libanesischen Schiitenmiliz; als Antiterroranalyst im FBI, später im US-Finanzministerium, in dem er die geheimdienstliche Analyse der internationalen Geldströme und die Suche nach den Finanziers internationaler Terrororganisationen leitete. In einer Analyse für den „CTC Sentinel“, das Magazin des Antiterrorzentrums an der US-Militärakademie West Point, hat er nun Hussam Yaacoubs Vernehmungsprotokolle ausgewertet. Er warnt: Nachdem die Hisbollah einige Jahre lang ihre internationalen terroristischen Operationen hat schleifen lassen, gilt ihre volle Konzentration spätestens seit Februar 2008 wieder dem globalen Kampf gegen Israel. Denn damals starb der Hisbollah-Militärchef Imad Mughniyeh, einer der weltweit meistgesuchten Terroristen, in Damaskus durch eine Autobombe. Zahlreiche Medienberichte, auch solche aus dem Westen, vermuten den israelischen Geheimdienst Mossad hinter dem Anschlag; Israels Regierung dementiert dies erwartungsgemäß. In den 1980er- und 1990er-Jahren war die Hisbollah weltweit an Terrorangriffen beteiligt. Ihr dafür zuständiger Arm, die Organisation Islamischer Jihad (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Palästinenser-Gruppe) verübte nach übereinstimmender Einschätzung westlicher Geheimdienste die Bombenanschläge auf jüdische Einrichtungen in Buenos Aires 1992 und 1994. Dabei starben insgesamt 114 Menschen, hunderte wurden verletzt. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beschlossen die Hisbollah-Führer in Absprache mit Teheran, dass es klüger sei, sich vorläufig auf Raketenangriffe auf Israel zu konzentrieren. Mit Mughniyehs Tod änderte sich das – und mit der Zuspitzung im Streit um das iranische Atomwaffenprogramm, der gezielten Sabotage von Uranzentrifugen und den rätselhaften Mordanschlägen auf führende iranische Nuklearwissenschaftler.

Geldwäsche mit Gebrauchtwagen

Die Hisbollah stieg wieder voll ins Terrorgeschäft ein, sagt Levitt. Um Operationen von Bangkok über Baku bis Lyon zu finanzieren, klinkte sie sich in fast jede Form des organisierten Verbrechens ein, die es gibt, fügt er hinzu: vom Zigarettenschmuggel über den Menschenhandel bis zu Dokumentenfälschung und Versicherungsbetrug. Eine Form, die Spuren ihrer kriminellen Geldbeschaffung zu verwischen, haben das US-Finanzministerium und die Antidrogenbehörde DEA nun aufgedeckt. Die Hisbollah kaufte in den USA Gebrauchtwagen und verkaufte sie nach Westafrika. Die legitimen Erlöse daraus vermischte sie in zwei libanesischen Geldwechselhäusern mit den illegalen Einnahmen aus dem Kokainhandel, an dem die Hisbollah als Zwischenhändler zwischen Kolumbien, Westafrika und Europa mitschneidet. Irgendwann verliert sich die Spur des Kokaingeldes in gefälschten Dokumenten. „Auf diese Weise wurden dutzende Millionen Dollar Drogengeld gewaschen“, sagte David Cohen, Levitts Nachfolger im US-Finanzministerium. „Die Hisbollah stellt sich gern als ehrliche Widerstandsbewegung dar. Dabei zeigt dieser Fall, dass sie ein großes Drogenkartell ist“, kommentierte Levitt dieses Auto-Kokain-Ringelspiel. Die Hisbollah bedroht Europa somit nicht nur terroristisch, sondern auch in Form des organisierten Verbrechens. „Es ist bei Weitem der lukrativere Markt, Kokain statt in die USA über Westafrika nach Europa zu verkaufen“, erklärte der federführende DEA-Agent Derek Maltz.

Angst um UNO-Soldaten

Die europäischen Polizeibehörden allerdings scheinen davon noch nicht Notiz genommen zu haben. „Die Verschmelzung von oder der dauerhafte Kontakt zwischen organisierten Verbrechergruppen und Terrorgruppen ist derzeit nur ein sehr marginales Phänomen in der EU“, hieß es Mitte März im jüngsten Bericht von Europol. Die Hisbollah kommt in dem Papier nicht vor. Und auch in den Dokumenten der EU-Außenminister sucht man vergebens nach Stellungnahmen. Die meisten Regierungen wollen das Problem totschweigen. Sie glauben, dass der Libanon nur mit und niemals gegen die Hisbollah halbwegs stabil gehalten werden kann. Und sie haben eine unmittelbare, große Sorge: die UNO-Truppe im Südlibanon. 13 EU-Staaten haben dort Blauhelme stationiert; rund 160 davon sind Österreicher. Würde die EU die Hisbollah auf die Liste der Terrororganisationen setzen, säßen diese Truppen mitten im Feindesland. Da drückt man in Brüssel, Berlin, Paris, Wien und anderen Hauptstädten lieber beide Augen fest zu. Und hofft, dass es keine weiteren Hussam Yaacoubs gibt. Und kein zweites Burgas.

Originalartikel Die Presse

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