Attentat in London – Verschüchtert sind die Friedfertigen

Veröffentlicht: Mai 26, 2013 in Migration & Islam
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Nach dem islamistisch motivierten Mord an einem Soldaten wird in London wieder über die muslimische Gemeinschaft im Land diskutiert. Gerade junge Muslime neigen extremen Ansichten zu

Wenige Tage, bevor Michael Adebolajo den Soldaten Lee Rigby mit einem Fleischermesser massakrierte, warb er öffentlich für den Dschihad. Sein kleiner Stand befand sich in der Hauptgeschäftsstraße des südöstlichen Londoner Stadtteils Woolwich, direkt vor dem Poundland Store, nur einige hundert Meter vom späteren Tatort entfernt. Er verteilte extremistische Flugblätter und forderte Passanten auf, in den „Heiligen Krieg“ um Syrien zu ziehen. Hier, in Woolwich, kannte man den aufgeregten schwarzen Mann mit der Wollmütze. Immer mehr Hintergründe werden bekannt, die die Abscheu über das bestialische Attentat mit bohrenden Fragen verbinden: Wäre die Bluttat zu verhindern gewesen? Hätten Adebolajo und sein Komplize Michael Adebowale besser überwacht werden müssen, ja hätten sie überhaupt frei herumlaufen dürfen? Darüber wird der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5 demnächst vor den Abgeordneten des Unterhauses Rechenschaft ablegen müssen. Die dahinterliegende Frage richtet sich weniger an die Behörden, als an die Politik, letztlich an die Gesellschaft insgesamt: Ist Großbritannien womöglich insgesamt zu lax im Umgang mit gewaltbereiten Islamisten? Die beiden Attentäter, 28 und 22 Jahre alt, waren den Sicherheitsbehörden seit langem bekannt. Schon vor sechs Jahren war Adebolajo, der ältere der beiden, in gewalttätige Demonstrationen islamistischer Gruppen verwickelt. Wann immer Extremisten auf die Straßen Londons gingen, wurde er gesehen. Britische Zeitungen berichten, dass er kurzzeitig festgenommen wurde, als er nach Somalia ausreisen wollte, um an der Seite der Al Shabaab zu kämpfen; die Polizei behielt seinen Pass ein. Über den jüngeren der beiden Attentäter ist weniger bekannt – das wird sich erst ändern, wenn er wieder vernehmungsfähig ist. Aber beide standen offenbar auf jener Liste, die mehr als 2000 Extremisten zur Beobachtung empfiehlt. Wie die Attentäter der U-Bahn-Anschläge von 2005 wurden die beiden Michaels im Vereinigten Königreich geboren. Adebolajo, Sohn nigerianischer Eltern, wurde in einer christlichen Schule erzogen und konvertierte als Jugendlicher zum Islam. Vor zehn Jahren schrieb er sich an der Greenwich University ein, die auch eine „Islamic Society“ unterhält. Ob er erst dort radikalisiert wurde oder schon damals fanatischen Ideen anhing, ist unklar. Jedenfalls geriet er in den folgenden Jahren in den Dunstkreis des Hasspredigers Anjem Choudary, der die inzwischen verbotene Gruppe Al Muhajiroun anführte. Unter den Anhängern Choudarys waren viele, die später in Zusammenhang mit Terroraktivitäten festgenommen wurden. Fotos, die am Freitag in den Zeitungen veröffentlich wurden, zeigen Adebolajo, wie er bei einer Kundgebung im Jahr 2007 unmittelbar hinter dem Geistlichen steht.

„Für die Menschen hier ist er ein Held“

Das Verhalten von Choudary – auch er wurde in Großbritannien geboren – überschattete am Donnerstag die wohlklingende Versicherung des britischen Premierministers, dass der Mord das britische Volk nicht spalten könne und alle gesellschaftlichen Gruppen in ihrer Verurteilung des Terrorattentats vereint seien. Mit fast aufreizender Gelassenheit saß Choudary im Fernsehstudio der BBC und weigerte sich, die Tat als grauenhaft zu bezeichnen. Stattdessen rechtfertigte er die „Gründe“ für den Mord und stellte der Verstümmelung des jungen Soldaten das Leid der Muslime in Kriegsgebieten sowie im Lager Guantánamo gegenüber. Unter dem Widerspruch zweier muslimischer Diskussionspartner behauptete er, dass diese Sicht von der Mehrheit seiner Glaubensbrüder geteilt würde. Ins gleiche Horn blies Omar Bakri Mohammed, der aus dem Exil in Beirut dem britischen „Independent“ ein Interview gab. Der Extremist, dem seit Jahren die Rückreise nach Großbritannien verweigert wird, erinnerte sich an Adebolajo und nannte dessen Tat „sehr mutig“. Im Islam, argumentierte der Prediger, sei die Tat zu rechtfertigen, weil „Abdullah“ – so Adebolajos selbstgewählter Name – keine Zivilisten, sondern einen Soldaten angegriffen habe. „Für die Menschen hier ist er ein Held.“ Es ist schwer zu sagen, wie viele der fast drei Millionen Muslime im Vereinigten Königreich derartige Sätze unterschreiben würden. Die offiziellen Vertreter der islamischen Gemeinden haben den Mord in scharfen Worten verurteilt. Julie Siddiqui von der „Islamic Society of Britain“ sagte, die Tat habe die muslimische Gemeinschaft so „angewidert“ wie jeden anderen im Land. Es gebe nicht die geringste Rechtfertigung. Ähnlich äußerte sich andere Vertreter und sprachen den Mördern das Recht ab, im Namen des Islam zu handeln. Doch der große Aufschrei unter Muslimen bleibt aus, wohl auch aus Angst vor Reaktionen aus der eigenen Gemeinschaft. Als einige Muslime im Zentrum Londons spontan für die Friedfertigkeit des Islam demonstrierten, trauten sich viele von ihnen nur vermummt auf die Straße. Anders als in Deutschland, wo die meisten Muslime aus der semisäkularen Türkei stammen, kommen die britischen Muslime überwiegend aus den früheren Kolonialgebieten Pakistan, Bangladesch, Indien und Nigeria, in denen heute radikale islamische Strömungen Konjunktur haben. Besonders hoch ist der Anteil der Muslime unter jungen Leuten. Fast jeder Zehnte unter 25 Jahren bekennt sich im Königreich zum Islam. Bei ihnen sind Fundamentalisierung und Politisierung des Islam gleichermaßen angekommen. Laut einer Studie des „Policy Exchange“-Think-Tanks aus dem Jahr 2007 bezeichnen 86 Prozent aller britischen Muslime ihre Religion als das wichtigste in ihrem Leben. Gerade unter den jungen Muslimen fremdeln viele mit der britischen Demokratie und der westlichen Lebensart. 74 Prozent wünschen sich, dass Frauen ein Kopftuch tragen. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) würden lieber unter der Scharia leben – und finden, dass Konvertiten mit dem Tod bestraft werden sollten. 13 Prozent der Jungen „bewundern“ die Al Qaida und andere Organisationen, die den Westen bekämpfen.

Kein repressives Klima gegen Muslime

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, die auf die Anschläge vom 11. September 2001 mit scharfen Kontrollen und zum Teil Grundrechtseinschränkungen reagierten, hielt sich die britische Regierung selbst nach dem Londoner Anschlag von 2005 mit extremen Maßnahmen zurück. Die Briten verhielten sich getreu der Devise, die der Londoner Bürgermeister Boris Johnson am Donnerstag noch einmal neu formulierte: Die wirkungsvollste Art, sich Terroristen in den Weg zu stellen, sei die Fortführung des normalen Lebens. Niemand demonstrierte die britische Zivilcourage dabei so eindrucksvoll wie die drei Passantinnen, die unmittelbar nach dem Mord die beiden bewaffneten Täter furchtlos zu Wort stellten. Auch wenn die Behörden insgesamt wachsamer geworden sind (und gerade bei der Anschlagsprävention Erfolge aufzuweisen haben), ist das Klima für Muslime nicht repressiv. Der Zuzug aus islamischen Ländern nahm sogar sprunghaft zu. Der muslimische Anteil an der Bevölkerung wuchs von drei Prozent im Jahr 2001 auf fast fünf Prozent heute. Dabei zieht das Königreich nicht nur Muslime an, die nach besser bezahlten Jobs oder einer guten Ausbildung streben, sondern auch einflussreiche und wohlhabende Persönlichkeiten, die vor allem in London einen Rückzugsort, oft auch ein Dauer-Exil finden. Darunter sind aktive Politiker, die es vorziehen, ihre Bewegungen aus dem Ausland zu steuern, aber auch Geistliche, die in ihren Herkunftsländern als Terroristen gesucht werden. Der wohl bekannteste ist derzeit Abu Qatada, den die britischen Behörden seit Jahren vergeblich nach Jordanien abschieben wollen. Über die Jahre sind die Muslime zu einer selbstverständlichen Größe im Land geworden. Sie unterhalten nicht nur Geschäfte und Restaurants, sie sitzen hinter Bankschaltern und in Postfilialen, dienen in Arbeitsämtern oder in der Armee. Manche Viertel befinden sich inzwischen fest in muslimischer Hand, eines sogar mitten im wohlhabenden Stadtzentrum von London. In der Edgeware Road, nahe des Marble Arch, ist vom alten London kaum noch etwas zu erkennen. An der Oberfläche funktioniert das Zusammenleben: An der Ecke zur Upper Berkeley Street steht eine Synagoge, drei Straßen weiter das Haus des früheren Premierministers Tony Blair. Nur die schwere Bewachung beider Gebäude weist darauf hin, dass in dieser Gegend erhöhte Vorsicht geboten ist. Die Sicherheitsdienste müssten Prioritäten setzen, sagte ein Fachmann aus 10 Downing Street am Freitag. Es gelte vor allem, bereits bekannte Anschlagsplanungen in Großbritannien zu vereiteln, sagte er der BBC und zeichnete ein düsteres Bild. Zur Zeit gäbe es „Hunderte laufende Ermittlungen und Tausende Menschen mit radikalen Ansichten“. Es sei schlichtweg nicht möglich, allen Spuren zu folgen.

Originalartikel Frankfurter Allgemeine Zeitung

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