Mit ‘Ägypten’ getaggte Beiträge

Hetzjagd auf Christen

Veröffentlicht: Juli 24, 2013 in Migration & Islam
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Tödliche Hetzjagd auf Christen in Ägypten

Die Lage der koptischen Minderheit in Ägypten wird zusehends dramatischer. Mindestens fünf Menschen wurden seit der Absetzung von Präsident Mursi getötet, weil sie Christen waren. Emile Nasim und sein Neffe, beide koptische Christen kletterten auf das Dach ihres Hauses in einem südägyptischen Dorf – und rannten um ihr Leben. Der aufgebrache muslimische Mob hetzte die beiden von Hausdach zu Hausdach. Doch irgendwann ging den Verfolgten die Dächer aus und sie mussten auf die Strasse. Nasim wurde von mehreren Dutzend Männern erwischt und mit Äxten, Keulen und Ästen zu Tode geprügelt. Der Neffe entkam schwer verletzt. Dies berichtet die Basler Zeitung am Wochenende.

Pogrome an Kopten nehmen zu

Dieser Lynchmord war Teil eines Pogroms im Dorf Nagaa Hassan am Westufer des Nils unweit der Großstadt Luxor. Dutzende von Häusern sollen in Brand gesetzt worden sein und drei weitere Christen wurden getötet. Nasim war der bekannteste von ihnen: Immer wieder hatte der 41-Jährige öffentlich zum Sturz von Mursi aufgerufen. Er war Mitglied der Tamarod-Gruppe, einer überwiegend von Jugendlichen organisierten Oppositionsbewegung. Vorausgegangen war ein Leichenfund: Ein muslimischer Bewohner von Nagaa Hassan war getötet worden, und für den Mob konnte es nur die verhassten Christen gewesen sein. Somit begann die Hetzjagd. Die meisten Christen flüchteten laut dem Bericht der Basler Zeitung in ihre Kirche. Der getötete Nasim indes hatte keine Chance. Der Geschäftsmann hatte vorsichtshalber bereits seine Familie bei Verwandten versteckt. Dies wurde den islamischen Fundamentalisten bekannt. Sie umstellten das Haus der Verwandten und zündeten es an. Die Polizei konnte noch erreichen, dass Frauen und Kinder das Haus verlassen durften. Danach stürmten Muslime das Haus. Zwei Cousins von Nasim und ein Nachbar schafften es nicht einmal aufs Dach: Sie wurden noch im Haus zu Tode geprügelt und erstochen.

Christen als Sündenböcke

In anderen Gegenden Ägyptens gab es ähnliche Vorfälle. So wurde auf Sinai-Halbinsel ein koptischer Priester auf einem Wochenmarkt aus einem vorbeifahrenden Auto heraus niedergeschossen. Insgesamt kam es in der Woche nach Mursis Absetzung in sechs der 27 ägyptischen Provinzen zu Gewalttätigkeiten gegen Kopten. Aus der mittelägyptischen Provinz MinjaIn, die mit rund 35 Prozent überdurchschnittlich viele Christen aufweißt und somit eine der wenigen Koptenhochburg ist, wurde über eine ähnliche Hetzjagd auf Christen, nur ohne Tote berichtet. Die Meute habe in Abwandlung des muslimischen Glaubensbekenntnisses gerufen: «Es gibt keinen Gott ausser Allah und die Christen sind seine Feinde». Unter den Christen in Ägypten macht sich Widerstand breit. Unter Hosni Mubarak hielten sich die Kopten aus der Politik weitgehend heraus. Nach dessen Sturz forderten immer mehr Kopten ein Mitspracherecht. Diese jedoch, wird ihnen von der muslimischen Mehrheitsbevölkerung weiterhin verweigert.

Arabische Apartheid – Die Leidensgeschichte der Kopten ist lang

Die Moslemische Eroberung Ägyptens fand 639 nach Christus statt, bis dahin war Ägypten koptisch-christlich. Trotz des politischen Aufruhrs verblieb Ägypten ein überwiegend christliches Land, obwohl die durch Diskriminierung bedingten schrittweisen Konversionen zum Islam über die Jahrhunderte Ägypten von einem hauptsächlich christlichen zu einem hauptsächlich moslemischen Land wandelten; am Ende des 12. Jahrhunderts bildeten die Muslime erstmals die Mehrheit. Dieser Prozess wurde zusammen mit den Christenverfolgungen während und nach der Herrschaft des fatimidischen Kalifen al-Hakim bi-amri llāh (reg. von 996–1021) und den Kreuzzügen wie auch durch die Annahme des Arabischen als Liturgiesprache beschleunigt.

Muslimische Unterdrückung

Das letzte Viertel des 20. und das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts waren von einer Verschlechterung der Beziehung zwischen Muslimen und der koptischen Minderheit Ägyptens geprägt. Dies zeigt sich einerseits durch tägliche Interaktionen wie die Beleidigung von koptischen Priestern durch moslemische Kinder, aber auch durch Angriffe auf koptische Kirchen, Klöster, Dörfer, Häuser und Geschäfte, vor allem in Oberägypten während der 1980er und 1990er Jahre; diese Zeit ist als Phase der Islamischen Widergeburt bekannt. Ende der 1990er Jahre wurden im Governorat Minya, einem “antiken Zentrum des koptischen Glaubens”, fünf historische Kirchen, zwei Wohltätigkeitsorganisationen und 38 von Christen betriebene Geschäfte niedergebrannt. Die Zerstörungen wurden ausgetragen von “Banden junger Muslime, die Eisenstangen sowie Molotowcocktails schwingen und `Allah ist grösser` rufen.” Der Polizei wurde vorgeworfen, sich den Angreifern in mehreren Fällen angeschlossen zu haben. In Südägypten drangen Muslime in Klöster ein und bedrohten, entführten und folterten Mönche. Es wird angenommen, dass die Raubzüge, die Erpressungen und die „Einsammlung” von „Steuern” bei Kopten von dem Glauben der Muslime herrührt, die traditionelle Dschisja-Kopfsteuer auf Nichtmuslime wieder einführen zu wollen. Der Oberste Führer der Muslimbrüder, Mustafa Maschhur, drückte diesen Willen 1997 in einem Interview aus. 1981 verbannte Sadat den koptischen Papst Schenuda III., indem er ihn des Schürens interkonfessionellen Unfriedens beschuldigte. Sadat suchte sich danach fünf koptische Bischöfe aus und bat sie, einen neuen Papst zu wählen. Sie lehnten ab, und erst 1985 setzte Präsident Hosny Mubarak Papst Schenuda III. wieder ein. Nach der Revolution in Ägypten 2011 kam es zu einer großen Furcht innerhalb der koptischen Bevölkerung. Während des Sturzes von Mubarak wurde von einer Zunahme der sektiererischen Gewalt berichtet.

Rechtliche Diskriminierung

In Ägypten erlaubt die Regierung offiziell keine Konversionen vom Islam zu einer anderen Religion. Auch bestimmte Mischehen sind nicht erlaubt, was Heiraten zwischen Konvertiten zum Christentum einerseits und in den christlichen Gemeinden Geborenen andererseits verhindert; auch führt es dazu, dass die Kinder von christlichen Konvertiten als Muslime klassifiziert werden und eine moslemische Erziehung erhalten. Die Regierung verlangte nach wie vor staatliche Genehmigungen für die Reparatur und Sanierung von Kirchen oder die Errichtung neuer, welche in der Regel vorenthalten werden. 2010 schrieb der israelisch-arabische Journalist Khaled Abu Toameh einen Artikel für das Hudson-Institut mit dem Titel “What About The Arab Apartheid?”, in dem er Kritik übte an der Behandlung der Christen in Ägypten und dem Versagen der ägyptischen Behörden, die Täter von Verbrechen gegen die ägyptischen Christen zu verfolgen. Koptische Frauen und junge Mädchen werden besonders oft entführt und werden gezwungen, zum Islam zu konvertieren sowie moslemische Männer zu heiraten. Im April 2010 drückten 17 Mitglieder des US-Kongresses ihre Besorgnis über die koptischen Frauen aus, da sie Opfer «der körperlichen und sexuellen Gewalt, der Gefangenschaft, der Ausbeutung durch erzwungene Sklaverei oder des kommerziellen Sex» seien. Wie die neusten Pogrome zeigen, ist für die Kopten in Ägypten die Leidensgeschichte noch nicht zu Ende erzählt.

Originalartikel blu-News

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Tödliche Hetzjagd auf Christen in Ägypten

Veröffentlicht: Juli 15, 2013 in Migration & Islam
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Die Lage der koptischen Minderheit in Ägypten wird immer dramatischer: Mindestens fünf Menschen wurden seit der Absetzung von Präsident Mursi getötet, weil sie Christen waren

Die Flucht war filmreif: Emile Nasim und sein Neffe kletterten aufs Dach ihres Hauses in einem südägyptischen Dorf – und rannten um ihr Leben. Mit dem Mut der Verzweiflung sprangen sie von Hausdach zu Hausdach, um dem aufgebrachten Mob zu entkommen. Doch irgendwann gingen ihnen die Dächer aus und sie mussten runter auf die Strasse. Nasim wurde von mehreren Dutzend Männern erwischt und mit Äxten, Keulen und Ästen zu Tode geprügelt. Der Neffe entkam schwer verletzt. Der Grund für den Lynchmord: Nasim war Kopte, Angehöriger einer christlichen Minderheit in Ägypten. Etwa jeder zehnte Ägypter zählt zu den koptischen Christen, einer orthodoxen Religionsgemeinschaft, die sich in der Tradition des Evangelisten Markus sieht. Derzeit leben sie extrem gefährlich in Ägypten. Der Mord an Nasim fand zwei Tage nach der Absetzung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi statt und war Teil eines Pogroms im Dorf Nagaa Hassan am Westufer des Nils unweit der Grossstadt Luxor. Dutzende von Häusern wurden in Brand gesetzt und drei weitere Christen wurden getötet. Nasim war der bekannteste von ihnen: Immer wieder hatte der 41-Jährige öffentlich zum Sturz von Mursi aufgerufen.

Christen als Sündenböcke

Auslöser der Hatz auf Kopten war ein Leichenfund im Morgengrauen: Ein muslimischer Bewohner von Nagaa Hassan war getötet worden, und für den Mob konnte es nur die verhassten Christen gewesen sein. Rund 30 Häuser und Geschäfte von Kopten wurden gestürmt, deren Fenster zerschmissen und die Gebäude teilweise in Brand gesetzt. Menschen, die das verhindern wollten, spielten mit ihrem Leben. Die meisten Christen flüchteten sich in ihre Kirche. Nasim aber hatte keine Chance: Der Geschäftsmann galt als wichtigster Gegner Mursis in seinem Dorf. Vorsichtshalber hatten er und seine Frau sich bei Verwandten versteckt, aber diese Information war bereits an die islamischen Fundamentalisten durchgesickert. Sie umstellten das Haus seiner Verwandten und zündeten es an, um die Familie auszuräuchern. Die Polizei tauchte zwar auf, war dem Mob jedoch zahlenmässig hoffnungslos unterlegen. Die Polizisten handelten immerhin aus, Frauen und Kinder aus dem Haus evakuieren zu dürfen. Nasim und seine männlichen Verwandten versuchten den naheliegenden Trick, sich mit Frauenkleidern in den Schutz der Polizei zu begeben, wurden aber von den Polizisten zurückgewiesen. Offenbar fürchteten die Sicherheitskräfte, dass die wütende Menschenmenge die Volte durchschauen würde. Nachdem die Polizei mit den Frauen und Kindern abgezogen war, stürmten die bärtigen Männer das Haus. Zwei Cousins von Nasim und ein Nachbar schafften es nicht einmal aufs Dach: Sie wurden noch im Haus zu Tode geprügelt und erstochen.

«Emile liess sich nicht den Mund verbieten»

Nasims Freunde sagen, er habe monatelang Unterschriften für die Absetzung Mursis gesammelt. Nasim war Mitglied der Tamarod-Gruppe, einer überwiegend von Jugendlichen organisierten Oppositionsbewegung, deren Name für Rebellion steht. Nasims bester Freund Emile Nasir sagt: «Emile war praktisch der örtliche Tamarod-Anführer und liess sich von den Fundamentalisten nicht den Mund verbieten». Nasim habe bereits Wochen vor dem Pogrom per SMS Morddrohungen erhalten. In anderen Gegenden Ägyptens gab es ähnliche Vorfälle. So wurde auf der von Islamisten dominierten Sinai-Halbinsel ein koptischer Priester auf einem Wochenmarkt aus einem vorbeifahrenden Auto heraus niedergeschossen. Insgesamt kam es in der Woche nach Mursis Absetzung in sechs der 27 ägyptischen Provinzen zu Gewalttätigkeiten gegen Kopten.

Kopten fordern Mitspracherecht

Bis zum Sturz des langjährigen Präsidenten Hosni Mubarak vor gut zwei Jahren hielten sich die Kopten aus der Politik in aller Regel heraus. Lediglich die Kirchenführung traute sich, vorsichtig ihr Anliegen vorzubringen. Aber seit Mubarak nicht mehr im Amt ist, fordern immer mehr Kopten ein Mitspracherecht an den Geschicken des Landes. «Die Christen sind aus dem Schutz ihrer klerikalen Roben hervorgekommen und werden niemals wieder darunter zurückschlüpfen», beurteilt Ezzat Ibrahim aus der mittelägyptischen Provinz Minja die neue Lust der Kopten auf Politik. In Minja gibt es mit rund 35 Prozent überdurchschnittlich viele Christen. In der dortigen Koptenhochburg Dalaga gebe es eine ähnliche Hetzjagd auf Christen, nur ohne Tote, erzählt Anwohner Buschrah Ischaron. Die Meute habe in Abwandlung des muslimischen Glaubensbekenntnisses gerufen: «Es gibt keinen Gott ausser Allah und die Christen sind seine Feinde». Die Kairoer Koptin Marina Sakaria sagt, dass ihre Eltern ihr die Auswanderung ans Herz gelegt hätten. «Ich denke nicht daran», sagt die 21-Jährige aber. «Die Christen verkriechen sich immer noch in den Kirchen, weil sie Angst haben», klagt sie. «Mit so einer Haltung werden wir weiter diskriminiert und finden niemals unseren Platz im politischen Leben.»

Originalartikel Basler Zeitung

In einem gleißenden Feuerwerk der Finanzkraft haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate 8 Milliarden Dollar an einem einzigen Tag in die Kassen der ägyptischen Armeeführung gepumpt in Form von Bargeld, Subventionen, zinslosen Krediten und Benzinspenden, eine schwindelerregende lebensrettende Infusion in die taumelnde Wirtschaft.

Summen dieses Ausmaßes in einem einzigen Tag lockerzumachen – oder selbst in einem Monat – übersteigt die Kapazität fast jeder Weltmacht, selbst der USA und Rußlands, in diesen Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Die arabischen Ölkolosse haben damit die Ansprüche Irans auf den Status einer Regionalmacht deutlich in den Schatten gestellt. Am Dienstag, den 9. Juli, nur sechs Tage nachdem die ägyptische Armee Präsident Mohammed Mursi von der Moslem-Bruderschaft gestürzt hat, landete eine Delegation der Vereinigten Arabischen Emirate bestehend aus Außen- und Energieminister sowie dem nationalen Sicherheitsberater in Kairo. Sie kamen mit einem Geschenk über 1 Milliarde Dollar als Subvention und weiteren 2 Milliarden als langfristige Kredite in der Tasche. In wohl geplanten Schritten trat danach Saudi-Arabien vor mit einem 5-Milliarden-Paket, aus dem eine Einmalzahlung von 2 Milliarden Dollar noch am selben Tag an Ägyptens Staatsbank überwiesen wurde, dazu Benzin im Wert von 2 Milliarden als Geschenk, und eine weitere Milliarde, um die nachgebende ägyptische Währung zu stützen. Die Lieferung von Finanzhilfen zweier arabischer Regierungen an eine dritte in diesem Ausmaß und an einem einzigen Tag ist ohne Beispiel im Nahen Osten, oder, in der Tat, der ganzen Welt. Zum Beginn der Feiern des Ramadan können sich 84 Millionen Ägypter auf ein anständiges Mahl am Ende ihres Fastenmonats freuen. Dieser Fluß der Freigebigkeit war das Ergebnis einer Entwicklung, die zuerst von DEBKAfile in der letzten Woche aufgedeckt wurde: Das Oberkommando des ägyptischen Militärs hat nicht alleine gehandelt, als seine Befehlszentrale die Machtübernahme vom 3. Juli von der Moslem-Bruderschaft geplant hatte; sie war bis ins letzte Detail koordiniert mit den Herrscherpalästen der Saudis und der Emirate und ihren Nachrichtendiensten. Die letzte Ausgabe Nr. 594 von DEBKA Weekly vom 5. Juli brachte Details über den Mechanismus aus Militär und Nachrichtendiensten zwischen diesen drei Regierungen. Die kommende Ausgabe vom Freitag, den 12. Juli bietet weitere Enthüllungen darüber, wie dieser Mechanismus dazu entworfen ist, die traditionelle Bedeutung des vom Konflikt zerrissenen Landes, des bevölkerungsreichsten in der arabischen Welt, wiederherzustellen. Kairo kommt die Führungsrolle in einem sunnitisch-moslemischen Block zu, der sich vom Golf bis nach Kairo erstreckt (mit Spielraum für stille Kooperation mit Israel), um der Herausforderung zu widerstehen, die die Allianz aus Rußland, Iran, Syrien und der libanesischen Hisbollah darstellt. Der Petrodollarregen über Ägypten hörte nicht bei den 8 Milliarden von Saudi-Arabien und den Emiraten auf: Kuwait hat weitere 5 Milliarden versprochen — später auf 4 Milliarden abgeändert — in einem geheimen Communiqué an Riad. Diese werden nach den Parlamentswahlen des Scheichtums am 27. Juli freigegeben, und so die Zuschüsse der arabischen Golfstaaten auf die atemberaubende Summe von 12 Milliarden Dollar erhöhen. Freundliche Beihilfe in dieser Größenordnung scheint die Bedeutung von Washingtons Dilemma über die Fortsetzung seines 1,3 Milliarden Dollar schweren Hilfspakets, von denen 700 Millionen dieses Jahr fällig würden, an Ägypten nach dem Militärputsch zu verringern. Die Andeutung, daß die US-Hilfen dazu verwendet werden könnten, Ägyptens „umgehende Rückkehr zu einer demokratisch gewählten, zivilen Regierung“ zu beschleunigen, verliert ihre Kraft, indem Saudi-Arabien und die Emirate beide garantieren, jegliche Rückstände bei der US-Hilfe an Ägypten auszugleichen. Am 26 Juni prahlte der syrische Vize-Premierminister Kadri Jamil damit, daß Moskau, Peking und Teheran eine halbe Milliarde pro Monat zu Syriens Kriegskasse beitrügen. „Es ist gar nicht so schlecht, Rußland, China und den Iran auf seiner Seite zu haben,“ meinte er hämisch. Ägypten kann nun für sich in Anspruch nehmen, Syrien in der Auslandshilfe bei weitem überflügelt zu haben — 12 Milliarden Dollar in einem einzigen Monat, verglichen mit lediglich 6 Milliarden innerhalb eines Jahres.

Originalartikel PI News

Junge Menschen in Ägypten, in Tunesien, im Iran kämpfen gegen die weltliche Macht des Islam. Sie lehnen den Zwang der Religion ab, die Vorschriften der alten Männer und den Tugendterror

Der arabische Frühling hat einen Kampf der Kulturen entfesselt. In Ländern wie Ägypten, Iran, Marokko und Tunesien streiten säkulare und religiöse Kräfte seit zwei Jahren darüber, wie viel Einfluss Religion auf den Staat, auf die Gesetzgebung nehmen darf. Immer häufiger zeigen sich inzwischen arabische Atheisten öffentlich und mischen sich in die politische Debatte ein. Der Ägypter Hamed Abdel-Samad traf Menschen, die in dieser schwierigen Lage und trotz Lebensgefahr ihre Stimme erheben. Unser Autor weiß, was das bedeutet: Er geriet selbst zwischen die Fronten und wird mit dem Tode bedroht.

„Wir haben die Gläubigen in ihrem Zuhause geschlagen“

Sein Name bedeutet eigentlich das Gegenteil seiner Gesinnung. Momen, das heißt auf Arabisch „gläubig“. Doch Momen ist seit vier Jahren Atheist. Er ist 21 Jahre alt und studiert Ingenieurswissenschaft an der religiösen Universität al-Azhar in Kairo, die als Zentrum des sunnitischen Islam gilt. Zwei Jahre behielt seinen Abfall vom islamischen Glauben für sich. Erst nachdem die Massenbewegung Präsident Mubarak zum Sturz gebracht hatte, nahm er seinen Mut zusammen und teilte seiner Familie und seinen engen Freunden mit, dass er nicht mehr an Gott glaubte. Viele in seiner Umgebung waren schockiert; doch er stellte fest, dass er nicht der Einzige war. Viele Freunde hatten eine ähnliche Einstellung. Doch sie trauten sich nicht, sich zu outen. Momen gründete mit ein paar Freunden eine Facebook-Seite, sie nannten sie „Vereinigung ägyptischer Atheisten“. Binnen Monaten hatte die Seite mehrere Tausend Mitglieder, die meisten von ihnen sind mit dem richtigen Namen und dem richtigen Profilbild zu sehen. Ein Novum in der arabischen Welt. „Die Ägypter sind nicht von Natur aus so religiös, wie die Islamisten versuchen, uns weiszumachen. Ich vermute in jeder ägyptischen Familie einen Atheisten oder zumindest einen islamkritischen Menschen, der nur aus Angst vor seiner Umgebung schweigt“, sagt Momen. Eine Begegnung mit Islamisten in einer Moschee in Altkairo Mitte Februar war für ihn ein Schlüsselerlebnis. Dort lud ein Gelehrter der Muslimbrüder zu einem Vortrag ein. Titel: „Wie denkt ein Atheist?“ Momen und drei seiner Freunde schleusten sich in die überfüllte Moschee. Achtzig Minuten lang, so berichtet Momen, habe der Scheich „sinnloses Zeug“ über den Atheismus und die Evolutionstheorie erzählt. Als die Diskussion losging, stellt Momen fest, dass die Mehrheit der Anwesenden Atheisten waren, die über die sozialen Netzwerke vom Vortrag erfahren hatten. Auch Frauen, die Kopftücher trugen, hatten keine Hemmungen, sich als Atheistinnen zu bezeichnen. Die meisten von ihnen waren gebildete Ex-Muslime, die sich in der Naturwissenschaft gut auskannten und den Vortragenden wegen seiner falschen wissenschaftlichen Theorien vorführten. „Wir haben die Gläubigen in ihrem Zuhause geschlagen“, sagt Momen stolz. Er wollte mehr Ägypter erreichen, deshalb gründete er die Bewegung „Die Säkularen“, die nun in Kairo, Alexandria und drei weiteren ägyptischen Provinzen aktiv ist. Dort organisiert man Diskussionsveranstaltungen, um über die Prinzipien des Säkularismus aufzuklären. Denn der Begriff hat – fast so sehr wie der Begriff „Atheismus“ – für viele Muslime einen negativen Beigeschmack. Eigentlich hatte Momen nicht vor, seinen Atheismus politisch zu thematisieren. „Aber wenn der Glaube politisch ist, ist mein Nichtglaube automatisch auch politisch. Solange Ungläubige verfolgt werden, solange die Religion sich in die privaten Angelegenheiten der Menschen einmischt, kann meine Abwendung von der Religion nicht Privatsache bleiben“, sagt er. Höchst politisch wird die Bewegung, als Momen mich zu einem Vortrag einlädt. Ich ergreife das Wort zum Thema religiöser Faschismus. „Die faschistoiden Züge des Islam sind nicht erst mit dem Aufstieg der Muslimbrüder entstanden, sondern in der Urgeschichte des Islam begründet“, lautete meine zentrale These. Das Video der Veranstaltung verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch das Internet. Einige Tage später ruft der Anführer der Terrorbewegung al-Dschamaa al-Islamiyya, Assem Abdel-Maged, nicht nur zu meiner Ermordung auf, sondern bedroht auch Momen, der neben mir saß und während des Vortrags zustimmend mit dem Kopf nickte. Der Vortrag und die ganze Affäre darum haben der Bewegung viel Spott und Drohungen, aber auch viele Tausende neue Anhänger gebracht. „Im Kampf gegen den Islamismus haben viele von uns gezögert, aufs Ganze zu gehen. Viele von uns warteten am Rande des Schlachtfeldes und hatten Angst, sich am Kampf zu beteiligen. Dieser Vortrag hat uns gezwungen, zu offenbaren, was wir wirklich denken“, sagt Momen. Ich bin der Meinung, dass Säkularismus in Ägypten mehr als nur eine Option ist. Er ist eine Bestimmung. Unklar ist nur, zu welchem Preis. Blut, würde die Geschichte sagen. Viel Blut. Die Islamisten haben sowohl eine pragmatische als auch eine selbstmörderische Tendenz. Es ist nicht abzusehen, welche der beiden Tendenzen siegen wird. In beiden Fällen werden die Radikalen verlieren, weil sie den Menschen nur leere Versprechen verkaufen können.

„Mein Leben besteht nicht aus Feinden“

Es ist das erste Mal seit einem Jahr, dass er in einem Straßencafé sitzt. Er wirkt auf mich sehr freundlich, aber distanziert. Seine Augen wandern unruhig umher, beobachten die Straße. Dabei macht er nicht den Eindruck, als würde er Angst haben. Er sucht nicht nach potenziellen Jägern, die ihn töten wollen, sondern nach Geschichten und Inspiration für seine Musik. Der Iraner Shahin Najafi beobachtet das Leben um sich, schöpft aus der Sehnsucht nach seiner Heimat den Stoff für seine Lieder. „Manchmal fühle ich mich wie ein Soldat im Krieg, der seine Feinde im Blick haben muss. Aber mein Leben besteht nicht nur aus Feinden. Mein Leben ist viel schöner“, sagt er. Ich treffe ihn am 10. Mai in Berlin, am Jahrestag der Bücherverbrennung in Deutschland vor achtzig Jahren. Genau ein Jahr zuvor musste Shahin in den Untergrund gehen, die Ayatollahs in Iran hatten eine Todesfatwa gegen ihn erlassen. Auf ihn wurde ein Kopfgeld in Höhe von 100.000 Dollar ausgesetzt. Der Grund: ein Lied, in dem er in einem fiktiven Dialog mit einem Nachfahren des Propheten Mohammed von diesem verlangt zurückzukehren, um den Iran vor der Diktatur zu retten. Der heilige Naghi solle gleich viel Liebe, Viagra und Silikonbrüste für die Iraner mitbringen, um sie glücklich zu machen. Shahin bestreitet, religiöse Inhalte bewusst zu nutzen, um zu provozieren: „Ich hatte nie die Absicht, die Religion anzugreifen. Das ist ein Vorwurf derer, die die Religion als ein Werkzeug der Unterdrückung missbrauchen. Ich beziehe den Stoff für meine Kunst aus allem, was mein Leben und das Leben der Iraner beeinflusst. Und dazu gehören auch die Religion und ihre Symbole. Mir geht es in erster Linie um die Kunst. Und meine Kunst hat kein bestimmtes Ziel außer der Freiheit.“ Schon im Iran war der rebellische Untergrundkünstler dem Regime ein Dorn im Auge, denn seine Mullah-kritischen Lieder waren sehr beliebt unter den jungen Iranern. Im Jahr 2004 wurde ein Konzert von Shahin in seiner Heimatstadt Bandar Anzali von Schlägerbanden des Regimes gestürmt. Er hatte gerade das Lied „Rish“ (Bart) gesungen – in ihm hatte er die Mullahs vorgeführt. Shahin wurde verhaftet und gefoltert, lebte eine Weile im Untergrund, bis ihm 2005 die Flucht nach Deutschland gelang. Ich unterhalte mich mit Shahin über die Ähnlichkeit zwischen dem Mullah-Regime in seiner Heimat und dem Muslimbrüder-Regime in meiner Heimat Ägypten. Beide kamen nach einer friedlichen Revolution an die Macht, die Freiheit und Gerechtigkeit zum Ziel hatte. Beide waren trojanische Pferde, die Demokratie nutzten, um später die Demokratie zu vernichten. Es handelt sich in beiden Ländern um eine religiöse Diktatur, die extrem humorlos und allergisch gegen jede Form von Kritik ist. Auch in Ägypten werden nicht nur religionskritische Schriftsteller, sondern auch Künstler und Satiriker juristisch verfolgt und bedroht. Diktaturen leben von Legenden und von der Angst der Menschen. Künstler wie Shahin Najafi versuchen, mit Witz und Intelligenz an den Mythen der Diktatoren zu kratzen. Dadurch nehmen sie den einfachen Menschen die Angst vor diesen Figuren. Und deshalb werden er und alle, die es wagen, die Grundlagen des Systems infrage zu stellen, bedroht und beseitigt. Aber Shahin will sich nicht einschüchtern lassen. Nach einem Jahr im Untergrund gibt er an diesem Maiabend sein erstes Konzert. Der Saal in Berlin-Kreuzberg ist mit Shahins Fans überfüllt. Als er die Bühne betritt, tobt das Publikum, zum größten Teil Exiliraner. Bei jedem Lied ist die Solidarität und Verbundenheit des Publikums mit dem unruhigen Künstler spürbar. „Shahin bringt uns den Iran ganz nah. Er sagt in einem Satz, wofür andere ein Buch brauchen“, sagt eine junge Iranerin. Sein Fotograf Hamed Rowshangah hat ihn immer im Blick. Er versucht jede Geste von Shahin festzuhalten. „Dieser Mann ist eine Symbolfigur für uns. Mut und die Liebe zum Leben sind seine Botschaft an die iranische Jugend. Er schreit das laut, was viele im Iran denken, sich aber nicht zu sagen trauen. Er wehrt sich gegen die Herrschaft der Schriftgelehrten und gegen die Diktatur. Deshalb lieben wir ihn.“ Das Publikum singt fast jedes Lied mit, nur die neuen Songs kennen seine Fans noch nicht. Aber ein Lied hat er noch nicht gesungen, obwohl viele sich es gewünscht haben. „Naghi, Naghi“, schreien seine Fans, aber Shahin singt das Lied nicht, das ihm die Fatwa brachte. Hat er etwa Angst, oder will er nun seinen Frieden mit den Mullahs schließen? Natürlich nicht. Er hat das Beste nur bis zum Ende aufbewahrt: „Hi naghi“, schreit er, springt von der Bühne und genießt das Bad in der Menge, die mit ihm buchstäblich verschmilzt. „Ich bin ein Fisch. Bühne und Publikum sind mein Wasser. Ich kann ohne Auftritt nicht leben“, sagt Shahin, sehr glücklich über diesen Moment. Aber ein Wunsch ist noch offen: Er will noch einmal in einem freien Iran auftreten. „Was ist das erste Lied, das du dort gerne singen würdest?“, frage ich ihn. „Ich denke, das Lied ‚Istadeh Mordan‘ (stehend sterben).“ Jenes Lied, das Shahin in der schwierigen Zeit nach der Fatwa geschrieben hat. „Dieses Lied ist für mich und viele meine Landsleute ein Symbol des Widerstandes. Und dafür, dass man vielleicht bis zu seinem Tod für seine Überzeugung kämpfen sollte.“

„Was ist das für ein Glaube? Welcher Gott?“

Normalerweise führt der Tod eines Familienmitglieds eher dazu, dass jemand anfängt, über den Sinn von Leben und Tod nachzudenken – und so auch zum Glauben findet. Bei Nadya war es genau umgekehrt. Die 25-jährige Kunststudentin hatte seit ihrer Kindheit eine sehr enge Beziehung zu ihrem Großvater; er hat niemanden mehr geliebt als sie. Als er im letzten Sommer starb, wollte Nadya ihn bis zum Grab in der tunesischen Provinzstadt Sfax begleiten. Nach muslimischer Tradition darf keine Frau bei einer Beerdigung anwesend sein. Nadia widersetzte sich dieser Regel, schlich der Trauerprozession hinterher und beobachtete die Beerdigungszeremonie verborgen hinter einer kurzen Mauer des Friedhofs. Doch plötzlich störte ein Moralwächter ihren Moment des stillen Abschieds. Ein entfernter Verwandter hatte sie entdeckt, eilte zur Mauer, griff sie an und schimpfte los. „Hau ab, Frauen sind unrein und haben auf dem Friedhof nichts zu suchen. Deine Anwesenheit wird deinem Großvater nur Qual bringen. Geh!“ Nadya ging nach Hause und dachte zum ersten Mal über den Sinn ihrer Religion nach. „Was ist das für ein Glaube, der eine Mauer zwischen mir und meinen geliebten Großvater baut? Welcher Gott ist das, der einem Mann das Recht gibt, mich zu schlagen, nur weil er einen Penis hat?“ Ohne lange zu überlegen, holte Nadia eine Schermaschine und schor ihren Kopf kahl. „Mit meinem Haar war auch die Religion weg!“ Sie hört auf zu reden, holt eine Zigarette aus der Schachtel und raucht schweigend und weinend. Um uns im Restaurant sitzen viele Tunesier, an denen die Geschehnisse im Land offensichtlich spurlos vorbeigehen. Nadya verbrachte vor zweieinhalb Jahren vier Wochen auf der Straße, um gegen den langjährigen Diktator Ben Ali zu demonstrieren. Sie forderte mit Hunderttausenden Demonstranten Gerechtigkeit und Einhaltung der Menschenrechte. Sie ahnte damals nicht, dass bald die Islamisten die Macht übernehmen und eine neue Gesellschaftsordnung durchsetzen würden. Früher war der Glaube in Tunesien eine Art Folklore und spielte kaum eine Rolle; Religion und Politik waren getrennt. Heute trauten sich sogar „Hardcore-Kommunisten“ nicht mehr zu sagen, dass sie laizistisch sind. Vor allem seit der Ermordung des linken Politiker Shukri Belaid im Dezember letzten Jahres wächst die Angst unter Oppositionellen und säkularen Intellektuellen. Selbstzensur macht sich bereit. Zwei Künstlerkollegen Nadyas wurden zu acht Jahren Haft verurteilt, weil sie Karikaturen des Propheten Mohammed im Internet veröffentlicht hatten. Die Empörung anderer Kollegen hielt sich in Grenzen. Nadya schämt sich, dass Tunesien, wo der arabische Frühling seinen Anfang nahm, nun von einer neuen Diktatur regiert wird. Die islamistische Partei al-Nahda hat zwar nur 40 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung, verfügt jedoch über eine gute Organisation und religiöse Eiferer, die Präsenz auf der Straße zeigen. Nachdem sie sich Jahrzehnte am Rande der Großstädte „wie Ratten“ versteckt hätten, eroberten sie nun die Innenstädte und versuchten, die Straße im rasanten Tempo zu islamisieren, beklagt die Kunststudentin. Auch islamistische Frauen sind aktiv geworden. Nadya wurde oft im Bus beschimpft, weil sie wie ein Mann aussieht und kein Kopftuch trägt. „Ich werde in dieser Gesellschaft dreifach diskriminiert: einmal weil ich Atheistin bin, einmal weil ich eine Frau bin. Und einmal weil ich eine Frau bin, die wie ein Mann ausschaut.“ Salafisten haben mehrere Bars, Bordelle und Musikveranstaltungen angegriffen. Die Provinzuniversität in Manouba wurde von Salafisten angegriffen, die tunesische Flagge wurde vom Uni-Gebäude heruntergerissen und an ihrer Stelle die Flagge der al-Qaida gehisst. Sie gehören zwar nicht zu al-Nahda, aber werden von ihr instrumentalisiert oder bewusst geduldet – einerseits um die Opposition zu verschrecken, andererseits um sich dem Westen als die moderatere Alternative zu verkaufen. Nadya sucht verzweifelt nach Trost und findet ihn nur in der virtuellen Welt. Sie und ihr Freund Alaa sind in einer Facebook Seite für Konfessionslose aktiv. Immerhin 500 Mitglieder tauschen sich dort aus. Aber sie glaubt nicht, dass sich Tunesiens Atheisten wie ihre ägyptischen Kollegen erheben werden. Zu groß sind die Angst und die Gleichgültigkeit. Viele wünschen sich nun die Rückkehr Ben Alis, der oft gesagt hatte, dass er die Tunesier vor den Islamisten schütze. Nadya hält die Ben-Ali-Nostalgie für eine Bankrotterklärung der Tunesier. Junge Menschen nutzen heute das Internet nicht mehr, um sich zu organisieren und für Proteste aufzurufen, sondern um ein Ventil für ihre Frustration zu finden. Viele flüchten in die Drogen. Nadya macht sich Sorgen um ihr Land und hat eine Lebensentscheidung getroffen: „Ich muss die Niederlage gestehen. Ich werde in diese Welt keine Kinder setzen!“ Ich blieb eine Weile sprachlos, wollte aber das Gespräch nicht so beenden. „Kein Mensch hätte es damals für möglich gehalten, dass die Araber sich gegen die Diktatur erheben. Keiner hat es für möglich gehalten, dass die Tunesier damit anfangen. Vielleicht kommt bald die zweite Welle der Flut. Wir haben eine multiple Diktatur in unseren Ländern. Die eine Schicht ist weg, nun taucht die zweite Schicht. Wir müssen durch!“ Ich weiß nicht ob ich ihr das sagte, um ihr oder mir selbst Mut zu machen.

„Wie kann man die Freiheit nicht schätzen?“

Nach einem Vortrag im Theater Neumarkt in Zürich im vergangenen Mai kamen zwei Männer auf mich zu, die unterschiedlicher nicht sein könnten – obwohl sich ihre Geschichten durchaus ähneln. Der 30-jährige Nicolas Blancho, der in einer liberalen Familie im Schweizer Biel konfessionslos aufwuchs und früher zur Hip-Hop- und Punk-Szene gehörte, konvertierte im Alter von 16 Jahren zum Islam und wurde Salafist. Der 23-jährige Marokkaner Kacem El Ghazzali, der aus einer konservativen muslimischen Familie stammt, schwor vor Jahren dem Glauben ab und wurde Atheist. Er lebt seit zwei Jahren in der Schweiz und versucht von dort aus, Atheisten in seiner Heimat zu unterstützen. Dem Schweizer Blancho dagegen fehlten in der offenen und freien Gesellschaft wohl Regeln und moralische Orientierung für seinen Alltag; er fand sie in den klaren Strukturen des orthodoxen Islam. Sein ehemalige Lehrer Alain Pichard sagte in einem Interview mit dem „Tagesanzeiger“ im April 2010 über ihn, er sei ein mittelmäßiger Schüler gewesen, „der ein wenig ziellos, fast verloren wirkte“. Erst mit dem Beitritt zum Islam wurde er selbstbewusster, schaffte seine Matura und studierte Islamwissenschaften und Jura an der Universität Bern. Der Marokkaner Kacem dagegen verließ den Islam, weil er sich von den strengen Regeln der Religion und von der moralischen Bevormundung in seinem Heimatland erdrückt fühlte. Er hatte seine Jugend in einer Internat-Koranschule in der Nähe von Casablanca verbracht, wo er die salafistische weiße Tracht tragen musste – westliche Kleidung war verboten. Sein Vater hatte Angst vor dem Einfluss falscher Freunde auf seinen Sohn, deshalb kaufte er ihm einen PC. Der wurde Kacems Fenster zu einer neuen Welt. Er verbrachte Stunden vor dem Rechner, lernte neue Gedanken kennen und las in Blogs im Internet Sachen, die er aus der Schule und der Moschee nicht kannte, von der Evolutionstheorie etwa oder internationale Literatur. Er traf auf eine neue Lern- und Diskussionskultur. In der Schule und der Moschee hatte es eine vertikale Beziehung zwischen dem Lehrer beziehungsweise dem Imam und dem Schüler oder Betenden gegeben. Der eine sprach, der andere schwieg. Im Internet war das Lernen interaktiv – und: Die Diskussionspartner waren gleichberechtigt. Blancho wechselte nicht nur seine Religion, sondern gründete auch den Islamischen Zentralrat in der Schweiz, der junge Schweizer zum Salafismus verführen sollte. Früher sprach er sich sogar für die Einführung der Scharia in der Schweiz aus; sie sieht etwa die Steinigung von Ehebrecherinnen und die Hinrichtung von Apostaten vor. Heute ist er mit seiner Wortwahl vorsichtiger geworden. Er bezeichnet die Steinigung zwar als „einen Bestandteil, einen Wert seiner Religion“, der aber im Schweizer Kontext nicht zur Anwendung kommen solle. Der umstrittene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan sieht Blancho und den Islamischen Zentralrat Schweiz als „Sektierer ohne Basis“ und als „eine Randerscheinung in der muslimischen Landschaft“, die nicht die Muslime in der Schweiz repräsentiere. Markus Seiler, Direktor vom Nachrichtendienst des Bundes, befand im Mai 2010: „Es geht beim Islamischen Zentralrat der Schweiz um ideologischen, nicht um gewalttätigen Extremismus.“ Man übersieht dabei, dass die wahabitische Ideologie, die Blancho verbreitet, zwar nicht zur Gewalt aufruft, ihr aber den Weg ebnet. Wer andere Menschen als Sünder und gar Ungläubige bezeichnet, entmenschlicht sie. Wer davon ausgeht, dass Sünder in der Hölle schmoren werden, hält sie nicht für Menschen, die die gleichen Rechte haben wie er, sondern entzieht ihnen die Existenzberechtigung. Kacem wurde in Marokko im Namen der Scharia geschlagen und mit dem Tode bedroht, bis er das Land verließ. Dennoch versucht er niemanden zum Atheismus zu bekehren. Er wurde Menschenrechtsaktivist und kämpft für Glaubens- und Meinungsfreiheit. Die Grenzen der Meinungsfreiheit sieht er nur verletzt, wenn jemand zur Gewalt aufruft. Deshalb wehrt er sich gegen diejenigen, die versuchen, die Schweiz noch radikaler zu prägen als das Land, aus dem er fliehen musste. „Ich bin nicht vor der Scharia in Marokko geflohen, um sie in der Schweiz wiederzuhaben“, sagt er. Kacem und Nicolas kannten sich bis zu diesem Treffen in Zürich nicht persönlich, hatten aber einige Monate zuvor einen indirekten Streit. Als der Zentralrat der Muslime den radikalen saudischen Prediger Mohamed al-Arifi zu einem Vortrag in Fribourg Mitte Dezember 2012 einlud, organisierte Kacem eine erfolgreiche Kampagne, die al-Arifis Einreise verhinderte. Grund dafür waren vergangene Fernsehauftritte des Predigers: Er hatte sich in TV-Sendungen etwa für das Recht des Mannes ausgesprochen, seine Frau zu schlagen, oder behauptet, dass europäische Frauen Sex mit Hunden hätten und dass 54 Prozent der dänischen Frauen nicht wüssten, wer der Vater ihrer Kinder sei. Kacem kann nicht begreifen, wieso ein Mensch wie Blancho, der in der Freiheit aufgewachsen ist, diese Freiheit nicht schätzt – und warum Menschen, die Kant und Voltaire lesen, primitive Prediger wie al-Arifi brauchen. Zwischen den beiden Konvertiten entwickelte sich vor meinen Augen eine Debatte über die Scharia in der Schweiz. Blancho sah keinen Widerspruch zwischen dem islamischen Recht und dem Schweizer Gesetz. Kacem konterte und fragte nach der Polygamie, die im Islam erlaubt, in der Schweiz aber verboten ist. Blancho antwortete: „Das Gesetz macht es möglich, dass zwei Männer in der Schweiz heiraten dürfen. Wenn man das akzeptiert, muss man auch akzeptieren, dass muslimische Männer mehr Frauen heiraten dürfen. Das nennt man Gleichberechtigung.“ Es ist interessant, wie oft Begriffe wie Freiheit oder Gleichberechtigung von Salafisten missbraucht werden. Niemals geht es um die Gleichberechtigung oder Freiheit anderer, wenn sie davon reden, sondern von den Vorteilen, die sie selbst daraus ziehen. Verkehrte Welt: Der Marokkaner trägt Jeans, zitiert Kant und kämpft für die Freiheit, während der Schweizer einen radikalen Prediger aus der Wüste als Vorbild hat und von einer Gemeinde wie im Mittelalter träumt. Vor zwei Monaten war Kacem als Referent bein UN-Menschenrechtsrat in Genf eingeladen und plädierte dort für Glaubensfreiheit in Marokko. Vor zwei Wochen war Blancho bei einer Salafistenveranstaltung in Kairo eingeladen, die junge Muslime weltweit dazu aufrief, in den Dschihad in Syrien zu ziehen.

„Ich musste die Angst loswerden“

Nach dem Sturz der Diktaturen in Ägypten und Tunesien wurde das Königshaus in Marokko unruhig und entschied sich, eine sanfte, kontrollierte Revolution zuzulassen. Studenten und Islamisten gingen auf die Straße und forderten Reformen. Die Wut der Bürger richtete sich nicht gegen den beliebten König Mohammed VI., sondern gegen die linke Regierung. Eine neue, dem Anschein nach freiheitliche Verfassung wurde in Windeseile verabschiedet, um die liberalen Kräfte zufriedenzustellen. Wahlen fanden statt, und die Islamisten durften zum ersten Mal in der Geschichte des Landes die Regierung bilden. Der junge Blogger Imadeddine Adib wollte die neue Verfassung testen. Im Artikel 3 wird die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert. Er kündigte also die Gründung des Zentralrates der Ex-Muslime in Marokko an. Eine Woche später stellte der höchste Gelehrtenrat, der ein Verfassungsorgan ist und vom König selbst geleitet wird, eine Fatwa aus, die die Hinrichtung als Strafe für Apostaten vorsieht. Imad weiß, dass die marokkanische Justiz nicht tatsächlich imstande ist, ein Todesurteil gegen einen Apostaten zu fällen, da der König sein Image im Westen als reformorientierter Monarch nicht beschädigen will. Es handele sich nur um einen billigen Flirt mit den Islamisten, meint er. Aber die Gefährlichkeit dieser Fatwa liegt darin, dass naive religiöse Eiferer sich dadurch ermächtigt fühlen, eigenhändig Apostaten zu töten, wo auch immer sie sie finden. „Wie soll die Justiz mit dem Täter dann umgehen? Er hat nur den Gotteswillen, wie er in der Fatwa steht, vollstreckt!“ Dennoch ließ sich Imad von der Fatwa nicht beeindrucken. Mit einer weiteren Provokation wollte er die Verfassung endgültig als Farce entlarven. Imad gründete mit dem im Züricher Exil lebenden Ex-Muslim Kacem El Ghazzali die Bewegung „masayminsh“, zu Deutsch: „Wir fasten nicht“. „Zur Glaubensfreiheit gehört doch das Recht, sich an die religiösen Gebote nicht halten zu müssen“, sagt er. Seine Bewegung rief nicht nur zum Boykott des Fastenmonats Ramadan auf, sondern organisierte auch öffentliche Workshops für Konfessionslose. Als die Bewegung breite Zustimmung unter jungen Marokkaner fand, wurde Imad von der Polizei per Haftbefehl gesucht. Seine Familie wandte sich von ihm ab. Auch seine säkularen Freunde warfen ihm vor, zu weit gegangen zu sein. Wenige Monate vor dem Abschluss seines Studiums am Institut für Physiotherapie musste Imad untertauchen, ohne Geld und ohne Perspektive. Sollte er verhaftet werden, könnte er zu fünfzehn Jahre Haft verurteilt werden. Ich treffe Imad in Casablanca – und kann kaum glauben, dass ich vor einem 22-Jährigen stehe. Er wirkt alt, verbittert und gestresst. Enttäuscht ist er in erster Linie von seinen Freunden, die sich Freiheitskämpfer und Menschenrechtler nennen, aber zugleich von ihm distanzieren und ihm sogar vorwerfen, ihrer Sache durch seine „unnötigen Provokationen“ geschadet zu haben. Imad weiß, dass die Zeit noch nicht reif ist für solche Gedanken, aber für ihn ist die Freiheit nicht teilbar. „Wenn alle denken, es sei nicht die richtige Zeit, wird die richtige Zeit nie kommen. Irgendjemand muss es ja irgendwann sagen. Ich lebe jetzt und will die Freiheit jetzt“, sagt er. Imad wurde bereits mit 14 Atheist. Sein Koranlehrer hatte ihm gruselige Geschichten von den Qualen der Hölle erzählt, lange hatte er Albträume. „Ich war bereit, alles zu tun, um diese Angst loszuwerden. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als den Koran abzulehnen. Ich habe mir in einer Nacht gesagt: Es gibt keinen Gott, und den Koran hat nur ein Mensch aus der Wüste geschrieben. Das war meine Befreiung. Danach hatte ich keine Albträume und keine Schuldgefühle mehr.“ Die Lösung – für ihn war sie so einfach. Deshalb kann er nicht verstehen, warum Millionen von Gläubigen sich das Leben zu schwer machen, warum Menschen andere für eine für ihn fiktive Figur namens Gott töten. „Religion bedeutet Überwachung. Und Überwachung führt zu Paranoia und Schizophrenie. Schauen Sie sich unsere Gesellschaft an. Die meisten sind doch krank.“ Es gibt unzählige Atheisten in Marokko, aber alle leben immer noch vor allem in der virtuellen Welt. Wer sich in der realen Welt zeigt, wird sofort verfolgt. Eine Religion, die von sich behauptet, die letzte und perfekteste Religion zu sein, hält keine Kritik aus. „Wenn es tatsächlich einen Gott gäbe, was schadete es ihm dann, dass ich an ihn nicht glaube?“, fragt Imad. Es gehe nicht um Gott und die Religion, sondern um die Macht des Königs, der „das Oberhaupt der Gläubigen“ genannt wird und somit eine zusätzliche Legitimation in Zeiten des Umbruchs bekommt. Wer die Unantastbarkeit der Religion infrage stellt, stellt auch die absolute Macht des Königs infrage. „Vermutlich denkt der König über die Religion genau wie ich, aber er kann es nicht sagen. Aber warum soll er die Menschen aufklären, wenn er selbst von ihrer Dummheit profitiert?“, sagt Imad. Vor einigen Wochen hatte Imad kein Geld mehr und besuchte einen Freund, der in einer internationalen Menschenrechtsorganisation arbeitet, um ihn nach einem Ausweg zu fragen. Der Freund teilte ihm mit, dass man für ihn nichts tun könne, weil er sich selbst von innen eingesperrt habe. Er empfahl Imad, zu einem Psychiater zu gehen, der ihm attestieren solle, dass er mentale Störung habe. Oder er solle auf seiner Facebook-Seite Reue zeigen und das Glaubensbekenntnis des Islam, „Es gib keinen Gott außer Allah“, posten. Nur so sei er noch zu retten. Imad ging müde und enttäuscht zurück in sein Versteck, öffnete seinen Laptop und postete auf Facebook: „Es gibt keinen Gott außer Mickymaus!“

Originalartikel Die Welt

Der Irrweg des Westens

Veröffentlicht: Juni 22, 2013 in Migration & Islam
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Von Afrikanischen Ländern wie Nigeria und Somalia über den Nahen Osten, Syrien und die Türkei bis hin nach Afghanistan, westliche Teile Chinas und Indiens, gar bis hinein in europäische Metropolen – überall ist ein und dieselbe Verwerfungslinie erkennbar. Sie verläuft zwischen jenen, die einen islamischen Staat wollen und jenen, die dagegen sind. Egal, wie man es dreht und wendet: Das Problem ist der politische Islam. Der Irrweg des Westens beginnt schon damit, dass sich kaum jemand traut, diese Wahrheit auszusprechen.

Am Montag erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ein ausführliches Exklusiv-Interview mit dem syrischen Präsidenten Baschar al Assad. Schon der Umstand, dass damit die aktuelle Entwicklung im syrischen Krisenherd einmal aus seiner Sicht dargestellt wurde, ist geradezu revolutionär für die Verhältnisse in deutschen Medien, in denen die Darstellung vom bösen Diktator vorherrscht, der ein nach Freiheit und Demokratie strebendes Volk unterdrückt, das sich nur noch durch Rebellion zu wehren weiß. Sicher: Man sollte nicht alles glauben, was Assad im Interview von sich gibt. Man sollte aber ebenso wenig alles glauben, was in deutschen Medien sonst so geschrieben wird. Tatsächlich muss man sich dieser Tage ernsthaft fragen, wer glaubwürdiger ist: Ein syrischer Diktator, oder das deutsche Medienkartell?

Die Verwerfungslinie ist immer dieselbe

Fakt ist, dass Syrien nach westlichen Maßstäben keine Demokratie und das Assad-Regime weiß Gott kein kuscheliger, rotgrüner Häkelverein ist. Fakt ist aber auch, dass die syrische Armee vornehmlich gegen bewaffnete Aufständische kämpft, mitunter sogar gegen Terroristen, die von Djihaddisten und Islamisten aus dem Ausland unterstützt werden. Dort, in Syrien, setzt sich nahtlos fort, was die ganze arabische Welt befallen hat: Von der iranischen Revolution 1979 bis zur so genannten Arabellion in Ägypten und andernorts, gar bis zu dem Konflikt, der sich dieser Tage in der Türkei abspielt. Die Verwerfungslinie ist immer dieselbe, sie verläuft zwischen Islamisten und deren Unterstützern in Politik, Wirtschaft und Bevölkerung. Ihnen gegenüber stehen säkulare Kräfte, die allerdings in dieser Region nicht zwingend feine Demokraten sein müssen. Irgendwo dazwischen stehen zudem die Bewegungen, sei es auf dem Kairoer Tahrir-Platz, sei es auf dem Taksim-Platz in Istanbul, die sich vornehmlich aus der Jugend rekrutieren und deren Ziele tatsächlich überwiegend mehr Freiheit und Demokratie sind. In Syrien sitzen die Säkularen auf der Regierungsbank und kämpfen gegen einen Aufstand, dessen wichtigste Triebfeder der Islamismus ist. In der Türkei ist es umgekehrt: Da sind die Islamisten rund um Präsident Reccep Tayip Erdogan an der Macht, treiben seit Jahren die Islamisierung der Nation voran und stoßen nun auf einen Widerstand, der sich – mehr oder weniger unerwartet – an einer Kleinigkeit entzündete. In Ägypten löste die Jugend die Revolte aus, stürzte den eher säkularen Diktator Mubarak und bereite damit ungewollt der Muslimbruderschaft den Weg an die Macht. Bemerkenswert ist dabei: Für die koptischen Christen im Land am Nil hat sich die Lage seither verschlimmert, sie kamen im Zuge der Arabellion vom Regen in die Traufe. Ähnlich dürfte es Christen und Juden in Syrien ergehen, sollten sich die Rebellen durchsetzen. Das Ergebnis wäre Islamisierung – und damit zwangsläufig eine Verschlechterung der Lebensumstände für alle Nicht-Muslime, gleichwohl übrigens auch für alle liberalen Muslime (das iranische Bürgertum lässt grüßen).

Das Problem ist der politische Islam

Im Interview mit der FAZ bezeichnete Assad die Staaten Türkei, Qatar und Saudi-Arabien als Werkzeuge der Westmächte USA, Frankreich und Großbritannien, die seinen Sturz anstreben, um in Syrien einen willfährigen Diener ihrer Interessen als neuen Machthaber zu installieren. Hier könnte sich Assad gewaltig irren, nicht was die Motive, aber was die Kräfteverhältnisse angeht. Gut möglich, dass es sogar genau umgekehrt ist, dass die USA, Frankreich und Großbritannien unfreiwillige Werkzeuge der Islamisten in der Türkei, Qatar und Saudi-Arabien sind. Vor allem die Türkei als NATO-Partner und Saudi-Arabien als Stützpunkt der US-Armee haben für die Vereinigten Staaten große geostrategische Bedeutung, hinzu kommt die wirtschaftliche Macht Saudi-Arabiens und Qatars als wichtige Erdöllieferanten des Westens. Und dass gerade den Wahhabiten auf der arabischen Halbinsel jedes säkulare Staatssystem im Nahen Osten ein Dorn im Auge ist, liegt wohl auf der Hand. Die Agenda des Wahhabismus ist offenkundig das Gegenteil: Die schrittweise Re-Islamisierung der gesamten muslimischen Welt und darüber hinaus. Freiheit und Demokratie scheinen diesen Kräften zwar willkommen zu sein, allerdings auf geheuchelte Weise, als temporäres Vehikel zur Machtübernahme, als Instrument auf dem Weg zum gänzlich undemokratischen Kalifat. Die Entwicklung in Ägypten steht dafür exemplarisch. Egal, wie man es dreht und wendet, das Problem ist der politische Islam. Er definiert die besagte Verwerfungslinie, trennt Gesellschaften in jene, die seinen politischen Machtanspruch begrüßen und dafür kämpfen und jene, die sich dem widersetzen und dagegen halten. Wohlgemerkt: Diese Linie verläuft nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, sie spaltet vielmehr die muslimischen Bevölkerungen. Im Gegensatz freilich zu den Nicht-Muslimen, denn es dürfte kaum Juden und Christen geben, die an der Seite der Islamisten kämpfen. Für jeden überzeugten Demokraten im Westen sollte eigentlich außer Frage stehen, welche Seite es hier zu unterstützen gilt. Nämlich die säkulare, auf der gemäßigte und liberale Muslime genauso stehen wie Angehörige anderer Konfessionen. Schon durch diese pluralistische Zusammensetzung repräsentieren die Gegner der Islamisten den westlichen Wertekanon der Gegenwart. Mehr als das allerdings wiegt, dass der Säkularismus unabdingbare Voraussetzung für einen Weg zu Freiheit und Demokratie ist, während allzu große Religiosität diesem Ziel diametral entgegensteht. So war es im Westen dereinst, so ist es im Nahen Osten auch heute noch.

Assad ist das kleinere Übel

Das Erkenntnis dieser Verwerfungslinie zwischen Sakralen und Säkularen, die von Afrikanischen Ländern wie Nigeria und Somalia über den Nahen Osten, Syrien und die Türkei bis hin nach Afghanistan, westliche Teile Chinas und Indiens reicht, die sich gar in europäischen Metropolen fortzusetzen droht, und trotzdem soweit irgend möglich in Medien und Politik verschwiegen wird, führt zu einer umso besorgniserregenderen Schlussfolgerung: Der Westen ist auf einem Irrweg, wenn er sich auf Seiten der Islamisten positioniert. So berechtigt Kritik am Assad-Regime ist, und so wenig es sich für überzeugte Demokraten geziemt, diktatorische Machthaber zu unterstützen, fest steht: In Syrien ist Assad der Statthalter der Säkularen. Sein Regime ist das kleinere Übel im Vergleich zu dem, was droht, wenn Islamisten die Macht übernehmen. Freiheit und Demokratie würden nach einem Sturz Assads in umso weitere Ferne rücken, die Lage der Minderheiten würde sich verschlechtern, Spannungen zwischen den Konfessionen zunehmen. Als weltpolitischer Glücksfall könnte sich indes erweisen, was derzeit in der Türkei geschieht. Denn die türkische Protestbewegung drückt symbolhaft aus, was sich hierzulande kaum jemand zu formulieren traut. Dass der Islam als politische Ideologie den Säkularismus bedroht – und damit folgerichtig Freiheit und Demokratie im Wege steht. Auf den ersten Blick in der Türkei, auf den zweiten Blick sogar flächendeckend, weltweit.

Der Irrweg des Westens

Und plötzlich demonstriert die grüne Ikone Claudia Roth in Istanbul gegen… – ja, wogegen eigentlich? In letzter Konsequenz gegen den Islam, was hierzulande undenkbar wäre. Bleibt nur zu hoffen, dass in Deutschland nicht erst ein fundamental-islamischer Präsident regieren muss, damit sich auch hierzulande endlich Widerstand gegen jene Ideologie regt, die sich fatalerweise hinter einer Weltreligion verbirgt. Und die sich seit einigen Jahrzehnten aufmacht, zum größten globalen Widersacher von Freiheit und Demokratie im 21. Jahrhundert zu werden. Ob es gefällt, oder nicht; das ist die Stunde, die es geschlagen hat. Und zwar nicht erst seit heute. Nicht weniger wichtig ist übrigens die Erkenntnis, dass jene, die sich Islamkritiker nennen, die hierzulande so isoliert zu sein scheinen und als Fremdenfeinde, Rassisten oder „Islamhasser“ diffamiert werden, längst nicht so alleine sind. Ihre wahrhaft Verbündeten, wissentlich oder nicht, sind die Freiheitskämpfer in Kairo, Istanbul und andernorts. Dass deutsche Medien die dortigen Demonstrationen bejubeln, während sie hierzulande einen Feldzug gegen alle Gegner der Islamisierung führen, zeigt nur, wie intellektuell verkümmert und ideologisch verbohrt die schreibende Zunft dieses Landes ist. Und auch darin zeigt er sich überdeutlich: Der Irrweg des Westens.

Originalartikel blu-News

Dies könnte die größte aller derjenigen Geschichten sein, die niemals erzählt werden. Der Arabische Frühling hat sich in einen bitteren, tiefen Winter für Christen im Mittleren Osten verwandelt

Mitglieder der orthodoxen Glaubensrichtungen werden aus ihren biblischen Kernlanden vertrieben von moslemischen Hardliner-Regierungen, die keine Toleranz für religiöse Vielfalt besitzen. All das hinter dem zunehmend undurchsichtigen Schleier aus Chaos und Bürgerkrieg, während der Rest der Welt wegschaut. Der Exodus kommt nur 24 Monate nach Beginn des größten politischen Umsturzes seit einer Generation, so sagt Vater Peter-Michael Preble, ein orthodoxer Priester der rumänisch-orthodoxen Erzdiözese in Amerika. Er sagt, Christen sind die bei weitem am meisten verfolgte Minderheit in den Ländern einschließlich Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, Tunesien, Algerien, Irak, Iran und dem Libanon. Der Priester aus Southbridge, Massachusetts weist auf die neuliche Entführung von zwei prominenten orthodoxen Bischöfen durch Kämpfer der syrischen Rebellen als Zeichen für das Dilemma, indem sich Christen befinden. „Der syrisch-orthodoxe Erzbischof Yohanna Ibrahim and Boulos Yaziji von der griechisch-orthodoxen Metropolis wurden beide gefangengenommen, nachdem sie versuchten, die Freilassung von zwei anderen orthodoxen Priestern zu verhandeln, die unter Lösegeldforderungen als Geiseln gehalten werden,“ erzählte Preble der Toronto Sun. „Traurigerweise betonten sie auch unverblümt die Bedrohung für die religiöse Toleranz durch den Konflikt, der dabei ist ihr Land zu verschlingen.“ Sie warnten vor einem christlichen Holocaust. „Schauen Sie über den gesamten Mittleren Osten, und Sie sehen Flammen und Krieg mit radikalen Islamisten, die entweder Regierungen oder sich gegenseitig bekämpfen, mit Christen im Kreuzfeuer. Auf der politischen Ebene ist es die Moslem-Bruderschaft, die das Leben für die Gläubigen sehr schwer macht. Christen haben in jenen Ländern seit Jahrtausenden ihr Leben bestritten, doch nun stehen sie vor der Aussicht, entweder ermordet oder für immer verbannt zu werden.“ Preble sagt, das gesamte jüdisch-christliche Erbe, das einst die Region stützte, ist vom Zusammenbruch bedroht. Ein Jahrhundert zuvor waren mehr als 20% der Bevölkerung der Region Christen, und noch in den 1980ern hatten Orte wie der Libanon eine christliche Mehrheit. Nun, mit der zurückgehenden Anzahl von Christen, ist es aufgeteilt zwischen raufenden schiitischen Hisbollah- und Sunni-Fanatikern.

Schätzungen geben die christliche Bevölkerung im Mittleren Osten mit unter 5% an, und rapide sinkend — und die Zahl bleibt überhaupt nur so hoch wegen der koptischen Christen, die, für den Augenblick, im von Streit zerissenen Ägypten verbleiben. Sie alle sind Teil der größten und am weitesten verbreiteten Glaubensrichtung der Welt. Das Christentum hat schätzungsweise 2,2 Milliarden Anhänger oder 32% der Weltbevölkerung, laut einem Bericht des in Washington ansässigen Pew Forum on Religion and Public Life. Trotz dieser Zahlen ist das Christentum mit Restriktionen und Feindseligkeiten in 111 Ländern rund um die Welt konfrontiert, noch vor den 90 Ländern, die die zweitgrößte Glaubensrichtung, den Islam einschränken oder drangsalieren, wie ein ander Pew-Report zeigt. Vater Preble beklagt, die Bedrängnis von Gläubigen, die vom Konflikt in ihren Ländern eingeholt werden, ist wenig bemerkt worden in den Mainstream-Medien des Westens. „Es scheint so ziemlich wie aus den Augen, so aus dem Sinn zu sein,“ sagte Preble. „Gläubige haben zahlreiche Restriktionen in vielen Ländern auszuhalten, einschließlich — aber nicht nur — von Gesetzen, die den Übertritt zum Christentum bei Todesstrafe verbieten, Zerstörung von Kirchen durch den Staat, selbst wenn diese genehmigt waren, Folterung von christlichen Dissidenten und oft gesellschaftlich sanktionierte, gewaltsame Selbstjustiz. Die letztere ist am weitesten verbreitet in Ägypten, wo koptische Christen zur Zielscheibe von Banden geworden sind, begierig darauf, sie von einem Land zu vertreiben, auf dem sie seit fast 2000 Jahren gelebt haben.“ In der Bemühung, öffentliche Aufmerksamkeit für die Notlage der Gläubigen zu gewinnen, hat Vater Preble an US-Außenminister John Kerry geschrieben und ihn gebeten, sich für die Freilassung der Priester aus der Geiselhaft einzusetzen. Bis jetzt hat er noch keine Antwort gehört, aber warnt, das Schicksal der Christen in der syrischen Stadt Homs könnte eines sein, das alle Gläubigen in der Region erwartet. „Oppositionskämpfer haben 80’000 Christen aus der Region um Homs allein vertrieben, und sie wissen, daß sie nie wieder zurückkehren können,“ sagte Preble. „Ihre Kirchen wurden zerstört, ihre Geschäfte übernommen und ihnen die Zukunft verweigert. Was, wenn sich dieses Muster in ganz Syrien wiederholt und die Verfolgung der Kopten in Ägypten weitergeht? Dies sind die Orte, die das Christentum hervorbrachten und die Jesus behüteten, als Seine Familie auf der Flucht war. Nun sind sie ein Schlachtfeld für Christen.“

Originalartikel PI News

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung rügt die Regierung in Kairo. Das Auswärtige Amt bestellt den Geschäftsführer der ägyptischen Botschaft ein. Was ist geschehen? Ein Islamist fordert Muslime zum Mord an einem deutschen Staatsbürger auf – einem ausgesprochen bekannten

Für gewöhnlich steht Hamed Abdel-Samad im Rampenlicht. Der deutsch-ägyptische Publizist ist ein beliebter Gast in Talk-Runden. Und mit dem Journalisten Hendryk M. Broder produzierte er 2010 eine 14-teilige Satire-Serie für die Öffentlich-Rechtlichen. Jetzt ist Abdel-Samad untergetaucht. Der 41-Jährige fürchtet um sein Leben. Am Freitagabend hat der ägyptische Scheich Assem Abdel-Maged eine Fatwa gegen den Publizisten ausgerufen, eine Aufforderung an alle Muslime, den Schriftsteller umzubringen. Der salafistische Fernsehsender „Al-Hafez“ verbreitete das Todesurteil landesweit. Von Abdel-Samads Verlag heißt es: „Wir sind schockiert über die Verfolgung unseres Autors.“ Der Untergetauchte selbst war für Interviewanfragen zunächst nicht zu erreichen. Auslöser der Hatz war ein Vortrag, den Abdel-Samad in der vergangenen Woche in Kairo gehalten hat. Der Autor von Büchern wie „Mein Abschied vom Himmel“ und „Der Untergang der islamischen Welt“ vertrat darin eine scharfe These: Der religiöse Faschismus sei kein Phänomen einer verschrobenen Auslegung des Islam dieser Tage, der religiöse Faschismus sei im Islam selbst begründet und schon von Mohammed propagiert worden. Er erklärte, die Eroberung der Stadt Mekka durch die Anhänger des Propheten habe die Saat gelegt, aus der der „religiöse Faschismus“ aufkeimte. Schon kurz nach dem Vortrag veröffentlichen Salafisten Bilder Abdel-Samads im Internet und versahen sie mit dem Titel: „Wanted Dead“. Offiziellen Charakter erhielt die Fatwa als Scheich Abdel-Maged, ein Führer der militanten islamistischen Bewegung „Dschamaa Islamiya“, sich im Fernsehen zu Wort meldete.

Vom Antisemit zum Islamkritiker

Abdel-Samad kam 1972 in Ägypten als Sohn eines sunnitischen Imams zur Welt. 1995 zog er im Alter von 23 Jahren nach Deutschland und nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Damals war er noch strikter Moslem, dachte, die Lösung für alle Probleme liege im Islam. Konfrontiert mit seinem neuen Umfeld, veränderte sich seine Haltung aber langsam. Er wurde, wie er es in seinem Buch „Mein Abschied vom Himmel“ beschreibt, auf Widersprüche in seinem Leben und in seiner Kultur aufmerksam. Heute forscht der frühere Antisemit am Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, ist Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Seinen Glauben hat er bei seinem Wandel nicht abgelegt. Er setzt allerdings auf einen Islam ohne Scharia, Dschihad und Frauenverachtung. Kurz nach dem Ausruf der Fatwa sagte Abdel-Samad „Spiegel Online“, dass es bei der Morddrohung nicht nur eine religiöse Motivation gebe. „Abdel-Maged versucht, die Vorwürfe gegen mich zu instrumentalisieren und meine Religionskritik als repräsentativ für alle Oppositionellen darzustellen.“ So wolle er Kritik an Ägyptens Präsident Mohammed Mursi diskreditieren. Mit Mursi hat in dem Land am Nil nach der Revolution ein Vertreter der Moslem-Brüder das Amt des Staatspräsidenten übernommen. Abdel-Samad sah dies stets kritisch.

Bundesregierung verurteilt Mordaufruf

Auch angesichts dieses möglichen politischen Motivs forderte Abdel-Samad als deutscher Staatsbürger, dass die Bundesregierung die Fatwa verurteilt und Präsident Mursi auffordert, gegen die Urheber vorzugehen. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Markus Löning (FDP) reagierte nur kurz danach und sagte: „Der öffentliche Mordaufruf gegen Herrn Abdel-Samad ist durch nichts zu rechtfertigen. Ich erwarte, dass sich die ägyptische Regierung deutlich und unmissverständlich davon distanziert. Ich fordere die ägyptische Regierung auf, Meinungs- und Religionsfreiheit zu garantieren und die Sicherheit von Herrn Samad zu gewährleisten.“ Aus Kreisen des Auswärtigen Amtes erfuhr n-tv.de, dass der Geschäftsführer der ägyptischen Botschaft einbestellt wurde. Vertreter der Bundesregierung forderten die ägyptischen Behörden in dem Gespräch demnach auf, die Veröffentlichung und Ausstrahlung von Mordaufrufen zu unterbinden. Wie lange Abdel-Samad versteckt und in Sorge um seinen Kopf leben muss, ist völlig unklar. Der wohl bekannteste Autor, gegen den eine Fatwa ausgesprochen wurde, Salman Rushdie, blieb nach der Veröffentlichung seiner „Satanischen Verse“ 1988 fast zehn Jahre lang im Untergrund.

Originalartikel n-tv

Vor einigen Jahren stieß ich auf einen Blog, dessen Name so unwahrscheinlich daherkam, dass ich ihn für ein Fake hielt: Arabs for Israel. Das kann nicht sein, sagte ich mir sofort und schickte gleich einen Hinweis an Achgut. Araber, die sich für Israel einsetzen, so was gibt es nicht.

Und es gibt sie doch: Nonie Darwish, Bloggerin, Publizistin, Ägypterin, aufgewachsen in Kairo und im Gazastreifen. Nunmehr Amerikanerin. Ihr eigener Vater, von Gamal Abdel Nasser in militärischer Mission in Gaza stationiert, wurde von den IDF in einer der ersten gezielten Tötungsaktionen beseitigt. Dennoch setzt die konvertierte Christin und Vorsitzende der amerikanischen Exmuslime sich für Israel ein. Man mag sich nicht mal im Traum vorstellen, wie sehr diese Frau in ihrer Heimat gehasst werden muss. Die Werke der erfolgreichen Autorin erscheinen nicht auf Deutsch. Und wenn man “Now they call me Infidel” oder ihre jüngste Publikation “The Devil we don’t know. The Dark Side of Revolutions in the Middle East” gelesen hat, ahnt man auch, warum. Nicht einmal Thilo Sarrazin würde sich trauen, derartig unmissverständliche Worte zu finden: Islam, Islamismus und selbst islamistischer Terror, so meint Darwish, seien im Wesentlichen nichts, was mit Feinsinn und intellektueller Spitzfindigkeit sauber differenziert werden müsse. Der Islam werde nicht von einigen wenigen Extremisten gekidnappt – wenn der Umma ernstlich daran gelegen wäre, so etwas in den Griff zu bekommen, bekäme sie es auch in den Griff. Multikulti werde nie funktionieren. Der Islam sei ein Vampir, der im Begriff ist, Europa und Amerika das Blut auszusaugen und westliche Reichtümer und Errungenschaften für sich selbst zu beanspruchen. Starker Tobak, ohne Frage. Den Optimismus, den der naive Westen mit dem arabischen Frühling verbunden hat, teilte Darwish jedenfalls von Anfang an nicht. Dafür kennt sie die Ägypter, ihre Kultur, die islamische Gesellschaft durch eigene Anschauung viel zu gut. Welcher der großen Revoluzzer auf dem Tahrirplatz habe jemals nach der Abschaffung der Scharia, die auch in Ägypten die Grundlage der Rechtssprechung ist, gerufen? Oder gar nach der friedlichen Koexistenz mit Israel? Der Tod Osama Bin Ladens, weiß Darwish, war für die Revolutionäre Anlass zur Trauer, so wie der elfte September eine Dekade zuvor Anlass zum Jubeln war. Den so genannten muslimischen Feminismus, die große Freiheit unter der Burka, hält Darwish für ein hübsches Märchen; erfunden von den Islamisten, die genau wissen, was man heute im Westen von ihnen hören will. Der arabische Frühling werde kaum mit der Befreiung der Frauen enden, auch wenn Darwish dieser Hoffnung wiederholt Ausdruck gibt und den Mut der handvoll Ägypterinnen bewundert, die sich für sie einsetzen. Man denke nur an die feministische Bloggerin und Kunststudentin Alia Magda Al-Mahdy, die es wagte, während der Sturm- und Drangphase des ägyptischen Frühlings Nacktfotos von sich auf ihrem Blog zu posten. Sie wollte damit ein Zeichen setzen für die sexuelle Selbstbestimmung der Ägypterin: Keine Genitalverstümmelung mehr, von der neunzig Prozent der ägyptischen Mädchen betroffen sind und deren Sinn es ist, ein normales Sexualempfinden zu unterbinden, keine Zwangsheirat, keine Verschleierung; keine verlogene fromme Doppelmoral, die Männern alles und Frauen nichts erlaubt. Heute muss die Aktivistin in Schweden leben, damit die grölenden revolutionären Jungmännerhorden, die die Kairoer Innenstadt bevölkern, sie nicht in Stücke reißen. Im vergangenen Jahr konnte eine junge Frau, die auf dem Tahrirplatz mit Al-Mahdy verwechselt wurde, nur knapp der Lynchjustiz entkommen. Das Muster von vielen äußerst brutalen Totschlägern gegen einen möglichst Schwachen und Wehrlosen, ein Phänomen dem man bedauerlicherweise auch in europäischen Städten immer häufiger begegnet, mag in seiner Unmoral auf westliche Menschen verstörend wirken – in welchem Maße aber solches Gruppenverhalten als Zeichen von Stärke in islamischen Gesellschaften durchaus positiv besetzt ist, lässt sich allein schon in rund hundert Versen in den Suren des Korans nachlesen, in denen es um den Umgang mit den Ungläubigen geht.

Islamkritikerinnen sind im allgemeinen wesentlich radikaler als ihre männlichen Mitstreiter, haben sie als Frauen doch von Kindesbeinen an die Repressionen einer Ideologie erlitten, in der ihr Geschlecht als minderwertig gilt. Egal, ob Nonie Darwish, Ayaan Hirsi Ali, Seyran Ates oder Necla Kelek: Sie werden von männlichen Islamkritikern bei jeder Gelegenheit mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden den Fehler begehen, dem wahren, schönen und kuchenguten Islam allein die Schuld an allen Missständen in die Schuhe zu schieben und kein einziges gutes Haar mehr an dieser doch eigentlich wunderbaren Religion zu lassen. Und es darf natürlich nie die infantile Delegitimisierung „die selbsternannte Islamkritikerin“ fehlen. Wieso überhaupt? Man darf sich selbst zwar nicht zum Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein ernennen; zur Islamkritikerin hingegen schon. Für Männer ist die islamische fraglos die beste aller Welten: Vier praktisch rechtlose Ehefrauen und eine beliebige Anzahl von Sexsklavinnen, uneingeschränktes Sorgerecht für die Kinder ab dem siebten Lebensjahr; uneingeschränkte Gewalt über jede Frau der Familie und eine überaus einfache Scheidungspraxis – warum sollten sich ägyptische Männer jemals von solchen Vorteilen freiwillig verabschieden? Wer glaubt, das sei übertrieben, sollte lauschen, wie Scheich Abu Ishak Al Huweini; Lehrer an der hoch renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo und überaus populärer ägyptischer Medienstar, sich die ökonomische Grundsanierung seines Landes nach der islamischen Revolution vorstellt: „Der Grund, warum wir heute in Armut leben, ist darin zu suchen, dass wir den Jihad niedergelegt haben. Würden wir ein paar Mal pro Jahr eine jihadistische Invasion durchführen, würden viele Menschen auf der Erde Muslime werden. Diejenigen, die uns im Wege stehen, müssen wir bekämpfen, als Geiseln nehmen und uns ihren Reichtum, ihre Frauen und Kinder aneignen. Die Taschen des Mujahid werden voller Geld sein; wenn er obendrein drei oder vier Sklavinnen samt ihren Kindern besitzt. Dies wäre ein lohnendes Geschäft, ein finanzielles Polster und eine Annehmlichkeit für den Jihadisten in Zeiten finanzieller Engpässe, weil man die Sklavinnen und deren Kinder pro Kopf für gut 300 oder 400 Dirham verkaufen kann. Niemand könnte solche Profite durch andere Art von Geschäften erzielen, nicht einmal, wenn ein Muslim in den Westen geht, um dort zu arbeiten.“ (Übersetzung A.S.) So ist es recht. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Zwei der von Darwish hervor gehobenen Aspekte in „The Devil we don’t know“ scheinen mir besonders erwähnenswert. Zum einen der, dass der Islam nach 9/11 plötzlich mit all seinen Facetten ins Licht des Interesses der westlichen Welt gerückt ist und noch mehr: Er liegt quasi wie ein Insekt unter dem Mikroskop und dort, so Darwish, gefällt es den Muslimen überhaupt nicht. Vorher war das Interesse der Ungläubigen am Inhalt des Korans so gut wie nicht vorhanden. Und plötzlich tönt es von allen Seiten: Was steht da überhaupt genau drin? Steht dort irgendwo, dass Frauen Kopftücher tragen müssen? Dass man Apostaten töten darf? Dass der heilige Krieg gegen Ungläubige ein religiöses Gebot ist? Die Antworten auf diese Fragen wissen Muslime in der Regel nicht einmal selbst. Seitdem der Islam so in Erklärungsnot geraten ist, winden sich Islamapologeten ständig mit der wenig glaubwürdigen Aussage heraus, dass der Koran nicht richtig übersetzt, nicht richtig gelesen, nicht richtig verstanden würde. So kompliziert ist eine Übersetzung aus dem Arabischen allerdings nicht. Und missverständlich ist ein Satz wie „Allah, schlag sie tot “ (Sure 9,30) auch nicht.

Das Peinliche ist, dass die Schriften, die sich mit der Behandlung von Ungläubigen, Christen, Juden und Frauen auseinandersetzen, nicht viele Grauzonen haben, egal, wie genau oder ungenau sie übersetzt werden. Der zweite Aspekt ist der, dass der Hass auf Juden im Islam in einem für den westlichen Menschen kaum vorstellbaren Maße untrennbar mit dieser Glaubensgemeinschaft verknüpft war, ist und sein wird. Darwish geht sehr ausführlich auf diesen Aspekt ein: Mohammed brauchte die Anerkennung der vorwiegend jüdischen (!) Bewohner von Medina und deren Konversion zum Islam, um zu beweisen, dass die Bewohner Mekkas einen Fehler gemacht hatten, als sie die Vision des selbsternannten Propheten ablehnten. Es ging schließlich um seine Glaubwürdigkeit. Aber als auch die Juden von Medina sich bockbeinig weigerten, den Propheten anzuerkennen, wandte Mohammed sich gegen sie. Von da an hießen sie Ungläubige, Abkömmlinge von Affen und Schweinen, Abschaum der Menschheit. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt zum Massenmord an den Banu Quraiza, den Juden von Medina, einem Event, dass in der Welt über Ostern mal eben zur „Verbannung“ zurecht gelogen wurde. Eine Schmach und möglicherweise sogar ein Fleck auf seinem Gewissen; der Mohammed sogar noch so sehr auf dem Totenbett belastet haben soll, dass er das Vermächtnis hinterließ, den Jihad gegen diese Feinde des wahren Glaubens nach seinem Tod fortzuführen. Eine religiöse Tradition und ein Gebot, meint Darwish, das mitnichten dadurch verschwinden werde, dass es keinen Staat Israel mehr gäbe. Dem Westen, besonders ihrer neuen Heimat Amerika, wirft Darwish Feigheit im Umgang mit dem Islam vor. Das ständige anbiedernde Appeasement, wie es sich auch in der Kairoer Rede von Präsident Obama gezeigt habe, sei Anzeichen für eine Art kollektives Stockholmsyndrom, an dem man in Europa und Amerika litte: „The West must never be tolerant of an intolerant ideology that seeks to destroy it.“ So weit, so richtig. Leider schießt Darwish ziemlich über ihr Ziel hinaus – und verliert ein Stück ihrer Glaubwürdigkeit – wenn sie sich zu der Spekulation versteigt, es sei kein Zufall, dass man in Amerika einen Präsidenten gewählt habe, dessen Name so sehr dem Bin Ladens gleiche. Auch ihre Theorie von der zwangsläufigen Implosion des Islam, einer Ideologie, die letztlich an sich selbst scheitern müsse, da man dauerhaft nichts zur Lebensgrundlage von Milliarden Menschen machen könne, was ausschließlich auf Gewalt, Vergeltung, Unterdrückung und Lügen aufgebaut sei, klingt zu schön, um wahr zu sein. Man muss schon ein paar Mal schlucken, um The Devil we don’t know herunterzubekommen. Also stelle man am besten ein großes Glas San Pellegrino bereit.

Originalartikel Achse des Guten

Extremisten vertreiben libysche Christen

Veröffentlicht: März 16, 2013 in Uncategorized
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Ein Brandanschlag auf die koptische Kirche in der libyschen Hafenstadt Benghasi ist der jüngste Vorfall in einer Reihe von gewalttätigen Übergriffen auf Christen im Land. Sie belasten auch die Beziehungen zum Nachbarland Ägypten.

Bewaffnete Unbekannte haben am Donnerstag die koptische Kirche im Stadtzentrum von Benghasi angezündet. Das Gebäude, die Inneneinrichtung und die Ikonen wurden beschädigt. Verletzte gab es keine. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem Akt der Vergeltung für die Proteste ägyptischer Christen vor der libyschen Botschaft in Kairo aus. Ihre Wut hatte sich am Tod eines ägyptischen Christen in einem libyschen Gefängnis entzündet. Dieser war einer von etwa 100 Ägyptern gewesen, die von Milizen unter dem Vorwurf zu missionieren verhaftet worden waren. Die Demonstranten in Kairo glaubten den Behörden nicht, dass er eines natürlichen Todes gestorben sei. Nach einer Intervention des ägyptischen Aussenministeriums wurden 55 Personen freigelassen; 20 konnten in Libyen bleiben, 35 wurden deportiert, weil sie keine gültigen Einreisepapiere hatten. Der Kirchenbrand von Benghasi ist der jüngste Fall in einer langen Reihe von Übergriffen gegen Christen und ihre Einrichtungen in den letzten Monaten. Im Dezember starben bei der Explosion eines Gebäudes der koptischen Kirche in einem Dorf nahe der Stadt Misrata zwei Ägypter, weitere wurden verletzt. Der Apostolische Vikar von Tripolis, Giovanni Innocenzo Martinelli, sagte, die Lage in der Cyrenaika, dem Osten des Landes, sei kritisch und die Atmosphäre angespannt. Die Christen würden von Islamisten vertrieben. Die Kirche sah sich gezwungen, in der Nähe von Derna die Gebäude eines Ordens von Franziskaner-Schwestern, der seit fast 100 Jahren besteht, zu räumen. Seit einiger Zeit schon träfen Islamisten die Entscheide in Libyen, sagte Martinelli gegenüber der Vatikan-Agentur Fides. Vor der Revolution im Jahre 2011 waren rund drei Prozent der 6,3 Millionen Libyer Christen. Während der Ghadhafi-Diktatur hatten sie keine Probleme wegen ihrer Religion. Jetzt sind nur noch wenige tausend geblieben. Die meisten von ihnen sind Ausländer, vor allem Ägypter, aber auch Filipinos und Europäer. Als religiöse Minderheit und Ausländer sind sie doppelt bedroht. Militante Islamisten haben in den letzten Monaten aber nicht nur Kirchen und einen Commonwealth-Kriegsfriedhof, sondern auch islamische Sufi-Schreine verwüstet, weil diese in ihrer strikten Religionsauslegung jede Heiligenverehrung ablehnen. Die schwache Zentralregierung verurteilt diese Vorfälle zwar, ist aber gegenüber den vielen bewaffneten Milizen machtlos, von denen manche ihre Region wie Fürstentümer regieren. Islamistische Hardliner bestimmen immer deutlicher politische Entscheide und sorgen dafür, dass die Scharia, das islamische Recht, in einer engen Interpretation umgesetzt wird. Kürzlich wurden etwa Einschränkungen bei der Polygamie aufgehoben oder ein absolutes Zinsverbot verfügt.

Originalartikel Neue Zürcher Zeitung

Der Tahrir-Platz in Kairo, einst ein Ort, der für Frieden stand, ist für Frauen zum Ort des Grauens geworden. Sexuelle Übergriffe sind alltäglich. Oppostionelle sehen dahinter eine perfide Strategie.

„Wir müssen unsere Frauen schützen“, sagt Sharif, rückt die schwarz umrandete Brille zurecht und kneift die Augen zusammen. „Sonst haben wir die Revolution endgültig verloren.“ Sharif, ein schlaksiger Mittzwanziger, steht vor einem unverputzten Bürogebäude im Kairoer Stadtteil Garden City und zieht hastig an seiner Zigarette, seine Stimme zittert. „Einst war der Tahrir-Platz ein Symbol des Friedens“, sagt er. „Nun ist er ein Ort des Grauens.“ Und dann erzählt der Student von den organisierten Vergewaltigungen im Zentrum von Ägyptens Hauptstadt, die immer häufiger und immer brutaler werden, von der Gewalt, die sich in immer größerer Maßlosigkeit gegen die weiblichen Demonstranten richtet. In der Tat: Der Tahrir-Platz, auf dem Protestler vor knapp anderthalb Jahren den damaligen Präsidenten Husni Mubarak stürzten, wird für Frauen immer gefährlicher. Allein am 25. Januar, dem zweiten Jahrestag der Revolution, sind laut ägyptischen Menschenrechtsorganisationen mindestens 25 Frauen auf dem Tahrir-Platz angegriffen worden.

Selbsthilfeorganisation gegen sexuelle Gewalt

Wie viele genau Opfer der teils extrem brutalen Übergriffe wurden, weiß niemand. Männer haben die Frauen, so heißt es, von der Menge isoliert und ihnen die Kleider vom Leib gerissen. Eine 19-Jährige, die in eine Seitenstraße gezerrt, ausgezogen und mit einem Messer vergewaltigt wurde, liegt noch immer mit schweren Schnittwunden im Genitalbereich im Krankenhaus. Auch deshalb ist Sharif an diesem Mittwochabend nach Garden City gekommen. Er möchte zumindest versuchen, den Frauen zu helfen, es sei, sagt er, eben seine Pflicht.

Und so ist er wieder einmal, wie rund 200 weitere Aktivisten, der wöchentlichen Einladung der im November gegründeten Selbsthilfeorganisation Operation Anti-Sexual Harassment (OpAntiSH) gefolgt: Es soll über persönliche Erfahrungen gesprochen werden, aber auch, und vor allem, so die Organisatoren, über konkrete Maßnahmen, um die Frauen in Zukunft besser zu schützen. „Wir alle waren auf dem Tahrir-Platz, wir alle haben Freundinnen, die begrapscht oder gar von dem Mob vergewaltigt wurden“, sagt die Sprecherin von OpAntiSH, Salma Eltarzi. „Was auch immer hier gerade passiert: Wir müssen uns dagegen wehren.“

Oppositionelle verdächtigen Muslimbrüder

Und da sind sie, junge Männer und Frauen in Röhrenjeans und mit Kastenbrillen. Sie sitzen im Schneidersitz auf dem blauen Teppich, stehen dicht an dicht an der weiß getünchten Wand. Das Neonlicht erzeugt Kantinenstimmung, es ist stickig. Ein stämmiger Mann mit Bart, nennen wir ihn Mohammed, ergreift das Wort. Mit dunkler Stimme erzählt er davon, welche elementare Rolle die Frauen noch während der ersten Protestwelle spielten, wie sie dann aber, nach dem Rücktritt Mubaraks, schnell wieder an ihren gewohnten untergeordneten Platz in der Gesellschaft zurückkehren sollten. Und das, so Mohammed, mit aller Gewalt.

Immerhin: Nicht wenige Oppositionelle behaupten, dass Militär und Muslimbrüder hinter den Attacken gegen die Frauen stecken, zu gezielt, sagen sie, griffen die Täter auf dem Tahrir-Platz zu, zu schnell organisiere sich der Mob, oft bis zu 200 Männer an bestimmten Orten, um die Frauen innerhalb weniger Minuten in ein Zelt zu zerren, um dann im Minutentakt nacheinander über sie herzufallen. „Vergewaltigungsecken“ nennen die Aktivisten die zwei Stellen auf dem Tahrir-Platz, wo es beinahe jeden Abend zu sexuellen Übergriffen kommt. Viele Aktivisten sind überzeugt davon, dass der Staat die Attacken organisiert, als Abschreckungsmaßnahme, um die Frauen, wie sie sagen, aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Um die Frauen wieder unsichtbar zu machen.

Angreifer reißen Journalistinnen Kleider vom Leib

Das ist in Ägypten natürlich kein neues Phänomen. Auch wenn die Regierung dieses Thema lange tabuisiert hat: In Ägypten gehören sexuelle Übergriffe auf Frauen – auch auf ausländische – zum Alltag. In den internationalen Fokus geriet das Thema zunächst vor zwei Jahren bei den Aufständen gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak. Am 11. Februar 2011, als die Ägypter Mubaraks Rücktritt auf dem Tahrir-Platz feierten, umzingelten etwa 250 Männer die südafrikanische Kriegsreporterin Lara Logan, stürzten sich auf sie und vergewaltigten sie „mit ihren Händen“, wie Logan später zu Protokoll gab. Ähnliches widerfuhr der ägyptisch-amerikanischen Journalistin Mona el-Tahawy, die von Polizisten festgenommen und sexuell missbraucht wurde.

Sie konstatierte später auf Twitter: „Fünf oder sechs umzingelten mich, betatschten meine Brüste und meinen Intimbereich. Ich habe den Überblick darüber verloren, wie viele Hände in meine Hose wollten.“ Die französische Reporterin Caroline Sinz berichtete im November 2011, sie sei von einer Gruppe Jugendlicher und Erwachsener verprügelt worden. Die Angreifer hätten ihr die Kleider vom Leib gerissen und sie in einer Art und Weise sexuell belästigt, die einer Vergewaltigung gleichkomme.

„Vergewaltigung ist fast zum Trend geworden“

Für weltweite Empörung sorgten auch die „Jungfrauentests“ an ägyptischen Demonstrantinnen, bei denen Ärzte unter Androhung oder Anwendung von Gewalt festgestellt haben, ob die Frauen noch Jungfrauen seien. Und doch: Waren es kurz nach der Revolution noch eher vereinzelte Übergriffe, die für kurzzeitige Empörung sorgten, ist es seit einigen Monaten vor allem die Häufigkeit, die die Aktivisten aufschreckt. „Eine Frau zu vergewaltigen ist fast zum Trend geworden“, sagt Salma Eltarzi. „Heute kann man nicht mehr sagen, zu welcher Gruppe die Täter gehören. Es gibt mittlerweile zu viele Trittbrettfahrer. Die Lage ist unübersichtlicher geworden. Das macht es für uns schwerer“, sagt Mohammed nun und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Eine junge Frau, kurze Haare, Kapuzenpulli, hebt den Arm. „Wie gehen wir jetzt vor?“, fragt sie. „Wir müssen noch präsenter sein“, sagt Mohammed. „Ab jetzt werden wir jeden Tag vor Ort sein.“

Aktivisten patrouillieren zum Schutz der Frauen

Bislang haben die Aktivisten an einzelnen Tagen auf dem Tahrir-Platz patrouilliert, um Frauen zu warnen, aus der Gefahr zu befreien, sie in Sicherheit zu bringen, zumeist an Freitagen, nach dem Mittagsgebet. Denn dann sind die Proteste am schlimmsten, die Lage am schwersten zu kontrollieren. Aufgeteilt in Gruppen mit bis zu 15 Personen warten dann rund 100 Aktivisten von Operation Anti-Sexual Harassment, aber auch von anderen Organisationen, der Gruppe Tahrir Bodyguard etwa oder der Egyptian Initiative for Personal Rights meistens an der Kreuzung der Qasr-Al-Ainy und Mohammed Mahmoud Straße. Sie stehen an den Orten, an denen sich die meisten Krawallmacher herumtreiben und von denen ein Netz aus schmalen, dunklen Seitengassen abgeht. Wenn sie sehen, dass eine Frau eingekreist wird, versuchen sie sie rechtzeitig rauszuziehen, meistens aber, so sagen sie, da bleibe ihnen nicht viel mehr, als die schon splitternackte Frau in ein Schutzzelt zu bringen, ihr Kleidung und Tee zu geben und sie dann in ein Krankenhaus zu fahren. Oft, sagen sie, gerieten sie selbst in Gefahr, würden angegriffen, manchmal bis nach Hause verfolgt.

„Übergriffe haben längst politische Dimension“

„Mit der Bedrohung müssen wir leben“, sagt Sharif. „Die Polizei hilft uns nicht.“ Sharif hockt mit anderen Aktivisten auf dem Treppenabsatz vor dem Hauseingang, es ist dunkel geworden, ein kühler Januarwind weht. Er hat nur eine kurze Pause, dann geht es für ihn und die anderen weiter. In kleinen Gruppen werden sie die Details ihrer weiteren Arbeit besprechen, die Einrichtung einer Telefonhotline für Betroffene etwa, die Frage, an welche Therapeuten sie die misshandelten Frauen vermitteln wollen und wie sie an Spenden kommen. „Die Übergriffe“, sagt Sharif, „haben längst eine politische Dimension erreicht. Es geht um die Stellung der Frau im öffentlichen Raum.“ Sharifs Freund Ahmed nickt. „Es geht hier um einen fundamentalen Wandel. Welche Rolle werden die Frauen künftig in der ägyptischen Öffentlichkeit spielen?“

Übergriffe längst lästiger Alltag

Tatsächlich sind Pfiffe, Grapschereien und andere Formen von sexueller Belästigung für viele Ägypterinnen lästiger Teil des Alltags. Einer Studie der Universität Kairo zufolge sind 75 Prozent der ägyptischen Frauen schon einmal sexuell belästigt worden – egal ob sie verschleiert sind oder nicht. Auch Vergewaltigungen sind keine Seltenheit. Über 20.000 Fälle pro Jahr dokumentiert der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Vor allem an Feiertagen häufen sich die Übergriffe, weil etliche junge Männer dann Zeit haben und in den Straßen herumlungern. Viele junge Frauen gehen an diesen Tagen nicht vor die Tür, zu hoch scheint das Risiko. Auch weil sie wissen, dass die Polizei in der Regel wegschaut.

„Mursis Leute haben uns den Tahrir genommen“

Doch der Widerstand in der Bevölkerung wächst. Aus Protest gegen die anhaltenden Belästigungen und Übergriffe sind etliche Ägypterinnen bereits mehrfach auf die Straße gegangen, haben Menschenketten organisiert, diverse Online-Kampagnen gestartet. Unter #EndSH werden Übergriffe auf Twitter diskutiert. Auf der Internetseite harassmap.org können Frauen im ganzen Land per SMS, Mail oder Tweet melden, wo sie belästigt werden. Für den Großraum Alexandria wurden bislang 51 Fälle gemeldet. Für das Stadtzentrum von Kairo 769 Übergriffe. In den letzten Tagen kommen fast alle Meldungen vom Tahrir-Platz.

Sharif steht in einer Ecke, zieht an seiner Zigarette, bläst den Rauch in die Luft. Immer mehr Leute strömen an ihm vorbei in die Dunkelheit, das Treffen ist für heute vorbei. „Wir wollen wenigstens ein paar Frauen helfen“, sagt er. „Auch wenn wir wissen, dass wir nicht alle retten können.“ Eine junge Frau mit Kopftuch neben ihm nickt, ihre Augen werden schmal. „Mursis Leute haben uns den Tahrir-Platz genommen“, sagt sie. „Unsere Würde nehmen sie uns nicht.“

Originalartikel Die Welt